Tschernobyl, 26. April 1986
"Das Erlebnis der Tschernobyl-Katastrophe ist etwas,
wofür wir noch kein System von Vorstellungen,
noch keine Analogien oder Erfahrungen haben,
woran unsere Augen und Ohren noch nicht gewöhnt sind,
wofür nicht mal unser bisheriger Sprachschatz
unser ganzes inneres Instrumentarium ausreicht."
Swetlana Alexejewitsch
Wer erinnert sich noch?
Jahr für Jahr waren in Deutschland Atomkraftwerke ans Netz gegangen, nach heftigen Auseinandersetzungen, bis die Tschernobylkatastrophe passierte und in der Folgezeit war es tagtäglich Thema, wie wenig die Politik auf eine derartige Katastrophe eingestellt war, obwohl es Mahner genug gab. 19 Jahre ist das her, es ist fast schon vergessen.
In Belarus sind die Strahlenfolgen geblieben, Tag für Tag. 70 % des radioaktiven Fall-outs der radioaktiven Isotope mit einer Gesamtdosis von 1019 Becquerel gingen im Süden des Landes nieder mit der Folge, dass gesundes Überleben in dieser Region für lange Zeit unmöglich ist.
"Heim-statt-Tschernobyl" heißt eine gemeinnützige Organisation, die seit über 10 Jahren den dort lebenden Menschen mit einem Umsiedlungsprojekt Hilfe bietet: im radioaktiv gering belasteten Norden des Landes werden Häuser gebaut, die für umsiedlungsbereite Familien eine neue Heimat werden ohne radioaktive Strahlenfolgen. Wir hatten im Mai 2004 für zwei Wochen Gelegenheit, dieses Land, seine Menschen und das Projekt "Heim-statt- Tschernobyl" kennen zu lernen und möchten von unseren Eindrücken berichten:
Ein Ökologie-Projekt in Belarus
Ca. 30 Stunden dauerte die Fahrt bis an den Narotschsee, etwa 120 km nördlich von Minsk. Dort ist in den letzten Jahren "Drushnaja" entstanden, ein auf einem Hügel gelegenes Dorf mit 30 Häusern, die in Lehmbautechnik errichtet wurden. Den Ortseingang bestimmen zwei Windkraftanlagen (mit 250 und 600 kW Leistung) rechts und links der Straße, ein weithin sichtbares Zeichen, dass auch in Belarus eine andere Energienutzung umgesetzt werden könnte. Wir wurden aufgenommen bei Familie Kirilowez mit 5 Kindern, die uns mit herzlicher Gastfreundschaft ein ganzes Zimmer ihrer Dreizimmerwohnung zur Verfügung stellte. So lernten wir (mit Dolmetscherhilfe) ihre Lebenswirklichkeit kennen, ihren Alltag, ihre Herkunft, ihre Sorgen und ihre Hoffnungen.
"Heim-statt- Tschernobyl" ist zunächst ein Ökologieprojekt: die aus den Windkrafträdern gewonnene elektrische Energie wird an den Staat verkauft und von ihm vergütet, durch die Einnahmen werden weitere Projekte finanziert: eine Schilfmattenproduktion in Sanarotsch zur Herstellung von Wärmedämmungsmaterial, ein Holzheizungsprojekt in einer Berufsschule in Kumarowa. Die Region um den Narotschsee wird damit zu einem "Zentrum" für erneuerbare Energien entwickelt; in diesem Rahmen wurden inzwischen 17 Arbeitsplätze geschaffen. Dazu steht die Errichtung eines medizinischen Versorgungszentrums durch "Heim-statt- Tschernobyl" unmittelbar bevor, was die soziale Bedeutung des Projektes unterstreicht. 2002 wurde außerdem mit dem Bau eines zweiten Dorfes in Lepel begonnen, 80 km östlich von Drushnaja, dem "freundschaftlichen Dorf" (wie es übersetzt heißt).
Begegnung mit der Geschichte
Ein wesentlicher Teil der Besuchsreise war die Begegnung mit der Geschichte, besonders der des 2. Weltkrieges, wo Angehörige der deutschen Wehrmacht, der SS und des SD im besetzten Gebiet 619 weißrussische Dörfer zerstörten, darunter auch 3 Nachbardörfer von Drushnaja. Zwischen 1941 und 1944 wurden 2,2 Millionen Menschen ermordet, fast ein Viertel der weißrussischen Zivilbevölkerung, darunter nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung. Besonders war dies für uns spürbar bei einem Besuch der Gedenkstätte von Chatyn. Dort lebten einst 149 Menschen, darunter 75 Kinder. Das Dorf wurde durch das Sonderbataillon "Dirlewanger" abgebrannt; alle Bewohner wurden in eine Scheune getrieben, wo sie einen qualvollen Flammentod starben. SS-Oberführer Oskar Dirlewanger war nicht nur an der systematischen Ermordung weißrussischer Zivilisten beteiligt, sondern organisierte auch das mit der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes von 1944 einhergehende Massaker an der polnischen Zivilbevölkerung, dem mindestens 200.000 Menschen zum Opfer fielen.
Das Vorgehen deutscher Einheiten in Belarus veranschaulichen folgende Zitate:
"Die Verminung der meisten Wege und Stege macht die Herrichtung von behelfsmäßigen Minensuchgeräten zur Notwendigkeit. Das vom Bataillon Dirlewanger hergestellte Minensuchgerät hat sich gut bewährt" 1
(Gefechtsbericht der Kampfgruppe v. Gottberg über das gemeinsam mit der 286. Sicherungsdivision durchgeführte "Unternehmen Cottbus").
"Die Deutschen haben die Einwohner aus den nahe gelegenen Dörfern unter Bewachung zusammengetrieben und sie gezwungen, Eggen über verminte Felder zu ziehen. Das hat aber zu keinen Ergebnissen geführt, die Eggen erreichten die Minen nicht. Da haben die Deutschen eine zweite ungeheuerliche Methode angewendet: Sie haben sowjetische Menschen in dichten Reihen über die verminten Straßen getrieben, unter ihnen auch alte Leute, Frauen und Kinder. Vor Angst, erschossen zu werden, gingen die Menschen über die verminten Straßen und flogen, wenn sie auf Minen traten, mit diesen in die Luft. In diesem Fall kamen bei der Explosion von Minen 28 Sowjetbürger um, unter ihnen waren 18 Kinder und sieben Frauen und Alte
(Aussage des Zeugen Nurudtinow im Minsker Prozess, 22.12.1945).
Die Auseinandersetzung mit der Geschichte Weißrusslands im 2. Weltkrieg macht die Dimension des Vernichtungskrieges deutlich, in dem Verbrechen, wie sie auch in Lidice oder Oradour von den Deutschen begangen wurden, an der Tagesordnung waren.
Belarus ist außerdem eng verknüpft mit der Geschichte der osteuropäischen Juden, was uns bei einem Besuch in Witebsk besonders schmerzlich deutlich wurde: Von ca. 170.000 Einwohnern vor dem 2. Weltkrieg mit einem hohen Anteil jüdischer Bevölkerung - Witebsk ist auch die Heimatstadt von Marc Chagall - lebten bei Kriegsende noch 110. In Weißrussland wurde auch das Schicksal vieler deutscher Juden besiegelt: Ab dem 6. November 1941 erfolgte die Deportation und Ermordung von Juden aus deutschen Städten, u. a. Bremen, Düsseldorf, Hamburg und Köln. Am 18.11.1941 wurden 570 Bremer Juden nach Minsk verschleppt und dort sofort nach ihrer Ankunft ermordet. Das Ghetto in Minsk wurde vom 11.-14. September 1943 liquidiert.
Medizinische Probleme der Tschernobyl-Katastrophe
Den letzten Teil der Reise erlebten wir in Minsk, wo uns das ganz Ausmaß der medizinischen Probleme der Tschernobyl-Katastrophe deutlich wurde. Wir besuchten 2 Kliniken und konnten uns bei verantwortlichen Ärzten über die gegenwärtige Situation informieren. Ein Ende des dramatischen Anstieges der Schilddrüsenkrebserkrankungen nach 1986 ist auch fast 20 Jahre nach der Katastrophe nicht feststellbar, lediglich der Erkrankungsgipfel hat sich vom Kindesalter weg in das Erwachsenenalter verschoben. Auch die Inzidenz von Harnblasen-, Brust- und Hautkrebs zeigt aufgrund der Daten des belorussischen Krebsregisters einen ungebremsten Anstieg.
Neben dem Umstand einer radioaktiven Verseuchung großer Landesteile im Süden und Westen - nach deutschen Grenzwerten dürften 20 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche nicht mehr bewirtschaftet werden - könnte die gesundheitliche Situation zukünftig durch folgende Faktoren zusätzlich belastet werden: Die Politik des diktatorischen Lukaschenko-Regimes behauptet mittlerweile, im Süden des Landes gäbe es keine Strahlungsfolgen mehr, man könne dort vielmehr wieder normal leben und arbeiten. Als Konsequenz werden verstrahlte Nahrungsmittel ohne entsprechende Messungen im ganzen Land verkauft. Parallel dazu werden onkologische Forschung und Therapie sowie die Erhebung epidemiologischer Daten massiv behindert bis hin zur Schließung von Krankenhaus-Spezialabteilungen, weil die offizielle Linie der Politik das immense Problem der Tschernobylfolgen für die jetzt Lebenden und zukünftige Generationen schlichtweg leugnet. Neben den onkologischen Langzeitfolgen muss als strahlungsbedingt auch eine hohe Infertilitätsrate - etwa 25 % aller Ehen bleiben kinderlos - angesehen werden, die zusammen mit der erhöhten Mortalität einen Bevölkerungsrückgang von durchschnittlich etwa 40.000 Einwohnern pro Jahr verursacht.
Zeit heilt keine Wunden
Wenn es um die Folgen einer nuklearen Katastrophe geht, heilt Zeit keine Wunden. Diese Erfahrung von Hiroshima und Nagasaki gilt uneingeschränkt auch für Belarus. Trotz der immensen Folgen des Reaktorunglückes von Tschernobyl für Mensch und Umwelt ist diese Problematik bei uns zunehmend in Vergessenheit geraten. Gleichzeitig versucht die Atomlobby, die Atomenergie-Nutzung über die Medien wieder salonfähig zu machen (siehe u.a. Die Zeit Nr. 31 v. 22.07.04).
"Heim-statt-Tschernobyl" wird dessen ungeachtet konsequent das Umsiedlungsprojekt fortführen und sich weiter praktisch für die Anwendung erneuerbarer Energien als realistische Alternative zur Atomenergienutzung engagieren. Deshalb verdient diese Organisation uneingeschränkt unsere Aufmerksamkeit. Die Teilnahme an der Heim-statt- Tschernobyl-Besuchsreise 2005, die vom 31.07. bis 13.08.2005 stattfinden wird kann allen Interessenten sehr empfohlen werden
Kontakt:
Christoph Dembowski, Michael Schulte
E-Mail: dembosol@t-online.de
Weitere Informationen:
www.heimstatt-tschernobyl.com
Spendenkonto:
Heim-statt-Tschernobyl e.V.
Kreissparkasse Diepholz
BLZ 256 513 25
KTO 133 611 111
zurück zum Seitenanfang