Zusammenfassung
Nach der Explosion des Block 4 im Atomkraftwerk Tschernobyl am 26.4.1986 traten mindestens 10 Tage lang radioaktive Substanzen aus, die sich in einem unregelmäßigen Muster über weite Teile Europas verteilten. In Russland, Belarus und der Ukraine wurden nach und nach große Gebiete evakuiert und Hunderttausende sog. Liquidatoren in der kontaminierten Zone zu Aufräumarbeiten aller Art eingesetzt.
Die wirtschaftlichen, politischen und gesundheitlichen Folgen der Katastrophe von Tschernobyl sind bis heute weder in ihren ganzen Ausmaßen bekannt noch abgeschlossen, auch wenn die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) dieses behauptet. So gab es auch in den von der radioaktiven Wolke berührten Ländern Westeuropas nachweislich gesundheitliche Effekte.
Die Verschleierungstaktik verhindert letztlich, dass in Deutschland oder Europa im Falle einer erneuten Katastrophe wirkungsvolle Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung ergriffen werden können. Übertragen wir die Situation von Belarus auf Deutschland oder Europa, so müssen wir davon ausgehen, dass z. B. in Deutschland wegen der höheren Besiedlungsdichte die Evakuierung von etwa 3 - 6 Millionen Menschen notwendig wäre. Die eventuellen Schäden an Gebäuden, Wirtschaftsgütern und die geschätzten Gesundheitsschäden wären aufgrund der für die Betreiber von AKWs vorgeschriebenen Haftpflichtversicherung mit nur 2,5 Milliarden Euro Deckungssumme nur zu ca. 0,1% der in internationalen Gutachten bezifferten möglichen Schadenshöhe abgedeckt.
Da es weder Sicherheit gegen technisches Versagen, noch gegen menschliches Fehlverhalten oder gar einen zielgerichteten terroristischen Angriff gibt, gebietet es die politische Klugheit und Verantwortung, das Bedrohungspotential durch Atomkraftwerke für die Gesundheit und die wirtschaftlichen Lebensgrundlagen der Bevölkerung unverzüglich zu eliminieren.
umwelt-medizin-gesellschaft 19 (2): 93-9
Autoren: Prof. Dr. med. Edmund Lengfelder, Dr. h. c. Christine Frenzel, Strahlenbiologisches Institut der LMU, Schillerstraße 42, D-80336 München, E-Mail: Ch.Frenzel@lrz.uni-muenchen.de