Der Begriff des "whistleblowing" (dt. "Alarmschlagen") kommt aus den USA, wo diese Form der Bürgerbeteiligung zum festen Bestandteil der politischen Kultur geworden ist. Whistleblower wenden sich aufgrund interner Kenntnisse gegen ungesetzliche, unlautere oder ethisch zweifelhafte Praktiken in ihrem Betrieb oder ihrer Dienststelle. Ihre Kritik erfolgt häufig zunächst betriebsintern. Sie dringen auf Abhilfe und verweigern u.U. auch ihre weitere Mitwirkung an der kritisierten Praxis. Haben sie damit keinen Erfolg, tragen sie gegebenenfalls ihre Kritik nach außen. Damit gehen Whistleblower ein hohes Risiko ein.
Die Erfahrung zeigt: Whistleblower riskieren viel. Ihre berufliche Karriere kann erheblich beeinträchtigt werden. Nicht selten geraten sie in schwere Existenzkrisen. Davor müssen sie besser geschützt werden - rechtlich, aber auch durch eine entsprechende Infrastruktur in den Betrieben, Forschungseinrichtungen und Verwaltungen. Dazu gehören insbesondere geeignete Anlaufstellen (Hotline, Ombudsman), die Erarbeitung und Umsetzung von Ethik-Codices sowie die konkrete Bereitschaft, solche uneigennützigen "ethischen Dissidenten" vom Odium des Netzbeschmutzers oder gar Verräters zu befreien.
Zum ersten Mal erhielt 1999 der ehemalige Kapitän der sowjetischen Marine Alexander Nikitin den Preis für seine Veröffentlichungen, in denen er unter anderem auf verwahrloste Atommüll-Plätze und den desolaten Zustand der russischen Nordmeerflotte aufmerksam machte. Er wurde verhaftet, mit Prozessen überzogen und erst endgültig freigesprochen, nachdem der Untergang der Kursk seine Warnungen auf grausame Art bestätigt hatte.
Die Preisträgerin 2001 war die Tierärztin Dr. Margrit Herbst. Sie hatte bereits in den frühen 90er Jahren im Rahmen ihrer Tätigkeit an einem schleswig-holsteinischen Schlachthof BSE-verdächtige Rinder bemerkt und diesen Verdacht öffentlich geäußert, nachdem sie intern kein Gehör fand. Dies führte zu ihrer Entlassung aus dem öffentlichen Dienst, da sie ihre Pflicht zur Verschwiegenheit "über die Vorgänge an ihrem Arbeitsplatz ...ohne zwingenden Grund verletzt (habe), indem sie entgegen den Weisungen des Arbeitgebers ohne hinreichende innerdienstliche Aufklärung der BSE-Verdachtsfälle an die Öffentlichkeit getreten sei".
Daniel Ellsberg, Preisträger 2003, hatte Anfang der 70er Jahre die "Pentagon-Papiere" zur jahrzehntelangen Verstrickung der USA in den Vietnam-Krieg an die Presse gegeben. Er selber hatte als Wissenschaftler an der Zusammenstellung dieser streng vertraulichen Dokumentation im US-Verteidigungsministerium mitgearbeitet. Die Nixon-Regierung reagierte seinerzeit mit massiven Eingriffen in die Pressefreiheit und der persönlichen juristischen Verfolgung Ellsbergs, um zu verhindern, dass das Ausmaß von Lüge und amtlicher Täuschung der amerikanischen Öffentlichkeit bekannt würde. Die Veröffentlichung der "Pentagon Papiere" hat damals in ganz entscheidendem Maße zur Enthüllung der schmutzigen Hintergründe des Vietnam-Krieges, zum weiteren Anwachsen des Widerstandes der nationalen und internationalen Öffentlichkeit und damit letztlich auch zum Ende des Vietnam-Krieges beigetragen.
Der Whistleblower-Preis 2005 wurde am 15. Oktober 2005 in Berlin im Rahmen des Kongresses "Einstein weiterdenken - Wissenschaft, Verantwortung, Frieden" an Arpad Pusztai und Theodore A. Postel verliehen.
Theodore A. Postol, Professor of Science, Technology and National Security im Security Studies Program am MIT, Cambridge/USA, ist ein brillanter Wissenschaftler und herausragender Kritiker der US-Pläne zur Errichtung einer umfassenden Raketenabwehr (Ballistic Missile Defense). Er arbeitete im militärischen Bereich, im US-Kongress, im akademischen Bereich sowie ab 1984 an diversen Problemen nationaler und internationaler Sicherheit und hatte Einblick in klassifiziertes Material. Er untersuchte die Regierungsangaben zur Effizienz des Patriot-Systems und Funktionsfähigkeit des NMD-Raketenabwehrprogramms. In seinen Veröffentlichungen wies er nach, wie systematisch Kritik an "Falschangaben" behindert und KritikerInnen abgeblockt werden.
Arpad Pusztai arbeitete im Laufe seiner fast 50-jährigen Karriere an Universitäten und Forschungsinstituten in Budapest, London, Chicago und Aberdeen. Dort arbeitete er nahezu 30 Jahre am Rowett Research Institute. Im Bereich der Ernährungswissenschaft war er ein bekannter und hoch geschätzter Wissenschaftler. Im Rahmen eines Forschungsprojektes "Gentechnische Veränderungen von Nutzpflanzen zur Insekten- und Nematodenresistenz: Effekte der Transgenexpression auf Tierfutter und auf die Umwelt" untersuchte die Arbeitsgruppe von Pusztai die substanziellen Gleichwertigkeit der transgenen Produkte. Dabei fanden sich nach Fütterungsversuchen an Ratten mit manipulierten GNA-Kartoffeln Gewebeveränderungen im Magendarmtrakt sowie Störungen des Immunsystems und Störungen in der Entwicklung lebenswichtiger Organe. Diese Ergebnisse warfen ernsthafte Zweifel über die Sicherheit der genveränderten Kartoffeln auf. Zusätzlich zeigten Kontrollexperimente, dass scheinbar nicht das eingefügte Gen, sondern die Manipulationstechnik selbst auf unerklärte Weise die Schäden verursachte. Es wurde ihm deutlich, dass die Verbraucher durch genveränderte Lebensmittel, die ohne ordentliche Tests zur menschlichen Ernährung zugelassen wurden, unwissentlich zu Versuchskaninchen gemacht worden wären. Als er zu einer Fernsehdebatte eingeladen wurde, entschied er sich, seine Bedenken der Öffentlichkeit mitzuteilen. Dies geschah mit dem Einverständnis seines Direktors. Nach der Fernsehsendung gratulierte der Direktor des Rowett-Instituts seiner Frau am Telefon. Zwei Tage lang war das Institut stolz auf Pusztai, doch am dritten Tag behandelte ihn der Direktor wie einen Kriminellen. Er wurde aus sämtlichen Arbeiten entlassen, seine Versuchsdaten wurden konfisziert, die laufenden Versuche wurden unter der Aufsicht des Managements zu Ende geführt und seine gesamte Forschungsgruppe wurde aufgelöst. Er wurde so erfolgreich mundtot gemacht, dass er sich nicht einmal gegen andauernde Verleumdungen schützen konnte. Pusztais mit genverändertem Futter gefütterte Ratten sowie seine Kontrollgruppen wurden auch von Dr. Stanley Ewen, einem älteren Pathologen der Universität von Aberdeen, untersucht und die Gewebeblöcke wurden vor der Konfiszierung durch das Audit-Komitee des Rowett-Instituts bewahrt. Durch mikroskopische Untersuchungen bemerkte Dr. Ewen, dass die Zellteilungsschicht im Magendarmtrakt der mit genveränderten Kartoffeln gefütterten Ratten verdickt war. In geringerem Maße stellte man dies auch bei Ratten fest, die mit gekochten Kartoffeln gefüttert worden waren. Die Messungen zeigten deutliche Abweichungen im Vergleich zu den Kontrollgruppen. Diese Ergebnisse konnten dann am 16.10.1999 gegen alle Widerstände im Lancet, der bedeutendsten medizinischen Fachzeitschrift Europas, veröffentlicht werden.
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