Über 450 Teilnehmer drängten am 16./17.2. 2006 - nicht zufällig der Jahrestag der Großen Sturmflut an der Nordseeküste von 1962 - in das Max-Planck-Institut für Meteorologie (MPI-M) zum 1. Extremwetterkongress. Der Große Hörsaal platzte aus allen Nähten als auf Einladung von Frank Böttcher, Herausgeber des Wettermagazins, namhafte und zum Teil auch aus Presse und Fernsehen bestens bekannte Experten die anwesenden Meteorologen und andere Wetterinteressierte mit meist erstklassigen Vorträgen und nicht selten spektakulären Bildern zum Thema beeindruckten.
Am Jahrestag der Sturmflut 1962 und kurz vor der Ausstrahlung des Fernsehfilms "Die Flut" stellte der Vertreter des Hamburger Senats die Maßnahmen der Hansestadt beim Hochwasserschutz vor und reklamierte, dass sich die Stadt auch für zukünftige Ereignisse gewappnet fühle.
Prof. Dr. Mojib Latif (Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel (IFM-GEOMAR), Ozeanzirkulation und Klimadynamik) zeigte in seinem Vortrag, dass Extremwetterereignisse wie Sturmfluten, Schneekatastrophen und Hurrikane mit dem Klimawandel zusammenhängen. Die prognostizierte Erhöhung der durchschnittlichen Temperatur um 1,4-5,8 °C bis 2100 bewege sich dabei bereits in denselben Größenordnungen wie der Wandel von der letzten Eiszeit bis heute, der auch nur lediglich ca. 5 °C betragen würde. Ein völliges Abschmelzen des Grönlandeispanzers würde einen Meeresspiegelanstieg von 6-7 m ergeben. Allein die thermische Expansion des Meerwassers aufgrund der höheren Temperatur könne sich auf 10-80 cm belaufen. Aufgrund der Trägheit der Meeresspiegelexpansion würde sich der Anstieg allerdings nicht schlagartig sondern über einen Zeitraum von ca. 1.000 Jahren erstrecken, sodass durchaus genügend Zeit für Maßnahmen Art bliebe. Latif zeigte auf, dass auch in Europa mit Extremwetterereignissen wie Sommertrockenheit und extremen Niederschlägen einschließlich Wirbelstürmen gerechnet werden müsse. Seiner Ansicht nach wäre ein Gegensteuern aber immer noch möglich, allerdings könnte der Mensch auch nur die anthropogenen Faktoren beeinflussen, die aber einen rund 60 %igen Anteil ausmachen würden.
Über Trends, Schadenpotentiale und Handlungsoptionen der Versicherungswirtschaft bei Naturkatastrophen referierte Tobias Grimm (Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft). Er stellte fest, dass das vergangene Jahr in vielerlei Hinsicht ein Rekordjahr war. Der Wirbelsturm Katrina verursachte den größten Einzelschaden aller Zeiten in Höhe von 125 Mrd. US $, der Wirbelsturm Wilma, der hauptsächlich in Mexico wütete, war der stärkste Hurrikan seit Bestehen der Messungen und überhaupt zählte man 2005 mit 27 Wirbelstürmen mehr als je zuvor. Außerdem zeigten sich mit Vince und Delta erstmalig seit Menschengedenken zwei Wirbelstürme in der Nähe Europas bei Madeira bzw. auf den Kanarischen Insel soweit östlich wie nie zuvor.
Kurz vor seiner nächsten Expedition berichtete der Polarforscher Arved Fuchs über seine Erlebnisse im Eis. Durch seine besondere Art des Reisens und aufgrund seines Kontakts mit Einheimischen sei er in der Lage, bereits sehr subtile Veränderungen wahrzunehmen. So konnte er bei seinen Fahrten um Spitzbergen erleben, wie die Insel erstmalig seit Menschengedenken im Sommer 2005 vollkommen eisfrei war und im Segelschiff umrundet werden konnte oder es stellte sich bei Gesprächen mit Fischern heraus, dass diese zwar weiterhin Fische fangen würden, es heute aber ganz andere Arten als früher wären. Er wagte die Prognose, dass auch die vieldiskutierte Nordost-Passage von Alaska durch die kanadische Inselkette zur Ostküste der USA in absehbarer Zeit problemlos schiffbar sei würde, die Pläne für die Häfen lägen bereits in den Schubläden.
Der Hurrikanexperte Thomas Sävert (Meteomedia AG) zeigte die Ursachen der vermehrten Wirbelsturmbildung im Golf von Mexiko auf: u.a. warmes Wasser (26,5 °C), feuchte Atmosphäre und ein Tiefdruckgebiet als Startmechanismus. Er konnte anschaulich zeigen, dass zukünftig auch in Europa und im Mittelmeerraum vermehrt mit Wirbelstürmen zu rechnen sein wird. Besondere Schwierigkeiten würden die Frühwarnungen im kleingegliederten Europa bereiten. Eine Vorhersagbarkeit der Richtung sei noch einigermaßen eingrenzbar, aber auch nur in Form einer Korridorbreite von ca. 200 km. Hinzu käme aber insbesondere enorme Unsicherheiten hinsichtlich der Stärke. Wie unter diesen Bedingungen etwa Evakuierungen in Ballungsgebieten ablaufen sollten, bleibt fraglich, es wäre ja im Extremfall zu entscheiden ob Hamburg oder Bremen evakuiert werden müsse...
Zur Situation für Deutschland wurde von Gudrun Rosenhagen (Deutscher Wetterdienst) festgestellt, dass nicht nur in der Nordsee sondern auch in der Ostsee Sturmfluten drohen. In den letzten Jahren scheinen sich extreme Wetterereignisse wie Starkniederschläge oder Trockenperioden zu häufen. Daniela Jacob (Max-Planck-Institut für Meteorologie, Hamburg) ging der Frage nach, mit welchen extremen Wetterereignissen wir hier in Deutschland zukünftig rechnen müssen.
Fazit
Der Kongress war ein Novum und er war den Versuch wert. Wie man hörte, wird der Nachfolgekongress bereits geplant. Der Kongress war offensichtlich interessant sowohl für Wissenschaftler als auch für Hobbymeteorologen und Interessierte. Die zahlreichen Infoständen boten Gelegenheit mit den Experten ins persönliche Gespräch zu kommen. Besonderes Interesse rief auch die Erklärung der aktuellen Wetterlage am Stand des Deutschen Wetterdienstes hervor. Zu kurz kam bei all den visuellen Sensationen und Rekordzahlen vor allem eins: über die Gesundheitsgefahren des Klimawandels fiel nur ab und zu ein Nebensatz. Offenbar sind die ca. 30.000 Hitzetoten des Sommers 2003 irgendwie nicht spektakulär genug.
(Weitere Informationen: http://www.extremwetterkongress.de)