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10. Frankfurter Kolloquium Umwelt & Gesundheit
(17.-19.3.06, Frankfurt)

Erik Petersen

Auf dem vom Interdisziplinären Arbeitskreis Umwelt und Gesundheit (IAK) und dem Arbeitskreis Gesundheit des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) organisiertem Kolloquium trafen sich Umweltmediziner mit Betroffenen zu einem regen Austausch über das Thema "Die Ergebnisse der PISA-Studie: auch eine Folge neurotoxisch wirkender Schadstoffe in der kindlichen Umwelt?"

Der ehemalige Schuleiter Wolfgang Krug, mittlerweile seit Jahren frühpensioniert und schwer krank, berichtete, wie er damals als jüngster Schulleiter Hessens voller Elan und Enthusiasmus an die 1970 aus Fertigbetonteilen neu erbaute Schule in Baunatal gekommen war. Nach einiger Zeit begann er unter einer Reihe von unspezifischen Symptomen wie Müdigkeit und Konzentrationsmangel zu leiden, deren Ursache er mit eigenen Problemen und Unvermögen erklärte. Auch eine Psychotherapie erbrachte keinerlei Besserungen. Eines Tages hörte er zufällig, wie sich Kollegen über ihre Befindlichkeit austauschten und schlagartig wurde ihm bewusst, dass diese Lehrer dieselben Probleme wie er hatten und die Ursache der Symptomatiken ganz offensichtlich in der Schule lagen. Auf einer internen Konferenz eröffnete Klug als Schulleiter den Austausch über die Symptome der Lehrer und als wenn er eine Lawine losgetreten hätte, stellte sich nicht nur heraus, dass die überwiegende Mehrheit des Lehrkörpers schon seit Jahren an schweren Symptomen litt, sondern dass auch die Zahl der Krebserkrankungen erschreckend hoch war. Auf dieser Konferenz beschlossen die Lehrer einstimmig, dass in ihre krankmachende Schule niemals mehr ein Schüler den Fuß setzen sollt und so geschah es auch. Die Schule wurde geschlossen und abgerissen. Wie sich herausstellte, war die Schule extrem mit PCB belastet, aber auch Asbest, Formaldehyd, Lösungsmittel und Schimmelpilze wurden nachgewiesen. Im Fertigbeton fanden sich auch Erdalkali-Metalle wie Barium, Strontium (radioaktiv) und Zirkonium. Im gesamten Landkreis Kassel wurden zwar daraufhin die Schulen untersucht und saniert, in Deutschland existieren aber immer noch ca. 10.000 belastete öffentliche Gebäude einschl. Schulen.

Dagmar von Lojewski-Paschke (BBU)
Dagmar von Lojewski-Paschke (BBU)

Bei der Bewertung der von Schulen oder ähnlichen Einrichtungen ausgehenden Gesundheitsgefahren für Kinder und Lehrer würden die zuständigen Behörden oftmals vollkommen fachfremde Prioritäten setzen, verdeutlichte Dagmar von Lojewski-Paschke (BBU) an Hand von konkreten Beispielen. In der Mehrzahl der Fälle würden sich Umwelt- und Gesundheitsbehörden keineswegs mit den zuständigen Fachfragen aufhalten, sondern machten sich zum Büttel der Ordnungs- und Finanzpolitik. Ruhe bewahren und Geld sparen sei offenbar die erste Bürgerpflicht und auch Pflicht der zuständigen Beamten, denen ansonsten mit Maulkörben und Disziplinarverfahren gedroht würde, sollten sie sich nicht an Weisungen halten, die vorgefertigte Ergebnisse verlangten. Dabei ist der Druck mittlerweile so hoch, dass es schon gar nicht mehr um Sanierungen geht, in einem Fall konnten Eltern nur per Gerichtsentscheid durchsetzen, dass ihr Kind wenigstens in eine unbelastete Schule wechseln konnte. Die Tagungsteilnehmer kritisierten übereinstimmend, dass wenn überhaupt, nur nach massiven Protesten von Schülern und Eltern saniert würde, es sei ganz offensichtlich, dass die Gesundheit der Kinder und Lehrer keine Priorität habe. Allerdings müsse auch gesehen werden, dass selbst Schulneubauten belastet sein können: mit hormonell wirksamen Weichmachern (PVC-Fußböden!), bromierten Flammschutzmittel (Computer), Lösemitteln (Farbe) und Schimmelpilzen (insbes. bei Flachdächern).

Dagmar von Lojewski-Paschke (BBU)
von links:
Bartram, Frentzel-Beame, Huber,
Bilger, Kruse, Teubner (Moderation)

Dass die Ergebnisse der PISA-Studie zumindest zum Teil auch in der hohen Schadstoffbelastung deutscher Schüler eine Ursache haben, darin waren sich die versammelten Experten einig. Auch die unstrittige Zunahme von Allergien, Konzentrationsmängeln und Lernstörungen sollten unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden, meinte Frank Bartram von der Interdisziplinären Gesellschaft für Umweltmedizin (IGUMED). Er stellte an Hand von Untersuchungen aus seiner Praxis fest, dass Biozide, Schimmelpilze, Amalgam, Lösemittel und Formaldehyd immer noch die Schwergewichte unter der Belastung der Bevölkerung seien und dass es sich in mindestens der Hälfte der Fälle um Mischexpositionen handeln würde.

Hermann Kruse
Hermann Kruse

In einem vielbeachteten Vortrag zum aktuellen Stand der PCB-Problematik stellte der Kieler Toxikologe Hermann Kruse fest, dass aufgrund der hohen Hintergrundbelastung der Bevölkerung die bisher als sicher geltenden Grenzwerte angepasst werden müssten. Neueste Forschungen hätten die gerade noch tolerierbare Zufuhr auf 1 µg/Person Tag festgelegt. Aus der Zufuhr über die Nahrung würden sich jedoch bereits Mengen von 2,1-5,6 µg/Person Tag ableiten lassen. Für die Raumluft müsse demnach nach dem Minimierungsgebot ein Vorsorgewert von 100 ng/m3 (heute: 300 ng/m3) eingeführt werden.

Jürgen Bilger (Ökologischer Ärztebund)
Jürgen Bilger (Ökologischer Ärztebund)

Einen Überblick über die neue pädiatrische Morbidität gab der Kinderarzt Jürgen Bilger (Ökologischer Ärztebund). Die Zeit der klassischen Kinderkrankheiten in einer Zeit des Mangels sei zumindest in den Industrieländern vorbei (1900-1955). Auch die Phase der neuen Kinderkrankheiten v.a. psycho-soziale Dysfunktionen wie ADHS u.ä. werde abgelöst durch eine Zeit jenseits neuer Kinderkrankheiten, v.a. soziale Verwerfungen, politischer Verdruss und neuen Epidemien wie AIDS, Gewalt, Drogen.
Einige Schlaglichter: Kindliche tödliche Auto-Unfälle nehmen z. Zt. zwar ab, sind aber immer noch die Nr. 1 innerhalb der Unfälle, und diese insgesamt Haupttodesursache bei den 5-15-Jährigen. Die Zahl der Behinderungen infolge nichttödlicher Unfälle ist außerdem erheblich. Bis zu 25 % der unter 18-Jährigen leiden an psychischen Störungen, davon seien 7-11 % behandlungsbedürftig. Haupt-Störungen seien ADHS, Ängste/Phobien und Depressionen. Neu sind sog. Regulationsstörungen (Fütter-, Gedeih- und Schrei-Störungen) als Hinweis auf ein gestörtes Familien- und Wohnumfeld. In den USA wird über eine Vorverlagerung der ersten Monatsblutung von 17 auf 12,9 Jahre innerhalb von 150 Jahren berichtet. Als Auslöserkomplex für die verfrühte Pubertät werden auch Xeno-Östrogene wie PCB, DDT, DDE, Dioxine u.a. sowie psycho-soziale Effekte (TV-Konsum, elterliche Trennung) diskutiert.

Peter Germann (IGUMED) Carolin Zerger (BUND)
Peter Germann (IGUMED) Carolin Zerger (BUND)

Weitere Referate hielten Dr. med. Peter Germann (IGUMED) über "Umweltgeschädigte Patienten in der Hausarzt-Praxis", Carolin Zerger (BUND) zu "Schadstoffe im Alltag und aktuelle Lösungsansätze aus der Politik", Prof. Dr. Wolfgang Huber (dbu) zu "Innenraumschadstoffe - Schäden im Immun- und Nervensystem" und Prof. Dr. Rainer Frentzel-Beyme (IGUMED) über "Aktuelle Forschungsergebnisse zu Kindergesundheit und Umwelt".

Wolfgang Huber (dbu)
Wolfgang Huber (dbu)

Fazit
Abschließend bemängelten die Experten, dass der vorsorgende Schutz unserer Kinder vor gefährlichen Chemikalien nicht gewährleistet sei. Abhilfe könne eine strenge europäische Chemikaliengesetzgebung schaffen. Notwendig sei, dass die chemische Industrie alle notwendigen Daten liefere und gefährliche Chemikalien grundsätzlich durch ungefährliche Alternativen ersetzt werden müssen, so Oliver Wendenkampf (BUND) in seinem Schlusswort. Beifall und Dank gebührt Johann Fonfara, der treibenden Kraft des IAK Rhein-Main (http://www.iak-rhein-main.de ): Mit einer Fortsetzung im nächsten Jahr darf gerechnet werden!

von links: Wendenkampf, Krug, Zerger, Germann, von Lojewski-Paschke, Teubner (Moderation) Johann Fonfara
von links: Wendenkampf, Krug, Zerger, Germann, von Lojewski-Paschke, Teubner (Moderation) Johann Fonfara