zurück
Anstiege bei Fehlbildungen, perinataler Sterblichkeit und kindlichen Erkrankungen nach vorgeburtlicher Exposition durch Tschernobylfallout

Inge Schmitz-Feuerhake

Zusammenfassung
Im September 2005 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO der Öffentlichkeit mitgeteilt, dass es aufgrund des Tschernobylunfalls bislang zu weniger als 50 strahlenbedingten Todesfällen gekommen sei. Diese seien hauptsächlich bei der Gruppe der hochbelasteten "Liquidatoren" eingetreten, d.h. bei den Personen, die mit Abschirm- und Aufräumarbeiten direkt nach der Katastrophe beschäftigt waren. Ansonsten gäbe es keine gesicherten Auswirkungen der Strahlung auf die Gesundheit der betroffenen Bevölkerungen außer Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen, der aber gut behandelbar sei. Anhand der sehr geringen Strahlendosen, die für die kontaminierten Bevölkerungen angegeben werden, wäre dieser Befund auch plausibel. Er steht jedoch im grotesken Widerspruch zu zahlreichen Untersuchungsergebnissen, die in der wissenschaftlichen Literatur publiziert sind. Dieses wird am Beispiel der beobachteten Schäden bei Kindern nach vorgeburtlicher Exposition dargestellt.
In den Anrainerländern Weißrussland und Ukraine, in der Türkei und verschiedenen mitteleuropäischen Ländern wurden Anstiege von Fehlbildungen bei Neugeboren und in Aborten registriert sowie bei der perinatalen Sterblichkeit. Ferner zeigten sich erhöhte Erkrankungsraten im Kindesalter sowie eine Zunahme von Down-Syndrom. Aus den Befunden lässt sich der Schluss ziehen, dass das Spektrum der teratogenen Effekte durch inkorporierte Radioaktivität beim Menschen wesentlich größer ist, als internationale Strahlenschutzgremien anhand der Befunde aus Hiroschima und Nagasaki ableiten.
Auch unter der Annahme einer extrem hohen Strahlenempfindlichkeit des Ungeborenen sind die gefundenen Effekte in der Tat nicht mit den geringen Dosiswerten vereinbar, die mit Hilfe physikalischer Parameter und Modelle für die betroffenen Regionen ermittelt wurden. In einer Reihe vorliegender Bestimmungen durch "Biologische Dosimetrie", d.h. von instabilen und stabilen Chromosomenaberrationen in den Lymphozyten von Probanden, wurde jedoch gezeigt, dass die physikalischen Dosisabschätzungen um ein Vielfaches zu niedrig liegen.


Summary
Increase of Malformations, Perinatal Mortality and Childhood Morbidity after In Utero Exposure by Chernobyl Fallout
In September 2005, the World Health Organisation WHO has published that there were less than 50 radiation-induced deaths because of the Chernobyl accident up to now. These had mainly occurred among the clean-up workers who cared for shielding and removal of radioactivity after the event. Further assured effects of radiation on the health of the concerned population are not seen, except for thyroid cancer in children and adolescents which is thought, however, to be highly curable. Considering the low exposures which are reported for the contaminated populations this result would be even plausible. It is, however, in severe contrast to numerous findings which are published in the scientific literature. This is shown by the example of damages observed in children after in utero exposure.
In the neighbouring countries of Belarus and Ukraine, in Turkey, and different countries of Central Europe elevations of malformations in newborn children and lost foetuses were observed as well as increases of perinatal deaths. Additionally there were rising rates of childhood morbidity and Down´s syndrome. It must be concluded by these findings that the spectrum of developmental defects generated by incorporated radioactivity in humans is much larger than derived by international radiation committees from the Japanese A-bomb survivors.
Even assuming an extremely high radiosensitivity of the foetus the registered effects would be, in fact, not explainable by the very low exposures which were estimated for inhabitants of the contaminated regions using physical parameters and modelling. As can be shown by the results of investigations applying "Biological Dosimetry", i.e. estimating the rate of unstable and stable chromosome aberrations in the lymphocytes of persons, the physical dose estimates are much too low.

umwelt-medizin-gesellschaft 19 (2): 100-108

Autorin: Prof. Dr. Inge Schmitz-Feuerhake, Peter-Michels-Str. 54, 50827 Köln, E-Mail: ingesf@uni-bremen.de