In einem Offenen Brief an den Bayrischen Ministerpräsidenten Beckstein bitten Vertreter der Kompetenzinitiative zum Schutz von Mensch, Umwelt und Demokratie und des Ärztlichen Qualitätszirkel "Elektromagnetische Felder in der Medizin -Diagnostik, Therapie, Umwelt" um ein Gespräch darüber, mit welchen Maßnahmen dem Verkauf von Gesundheit, Umwelt und Lebensqualität begegnet werden könnte. Gefordert wird eine wirksamere Unterstützung technischer Innovationen, die unschädliche Techniken schnurloser Kommunikation bereitstellen sowie einen Verbraucher- und Umweltschutz, der die Bevölkerung nicht zu Opfern einer falsch eingeschätzten Technik macht. Wir dokumentieren in Ausschnitten (Red.)
Kinder - als Zukunft beschworen, aber kommerziellem Missbrauch ausgeliefert
Der Umgang unserer Gesellschaft mit Kindern und Jugendlichen ist in merkwürdiger Weise schizophren. Noch vor der Politik hat die Mobilfunkindustrie den Wert der Kinder und Jugendlichen entdeckt - als Objekt ihrer Profitgier. Seit geraumer Zeit endlich beobachtet man die längst überfällige politische Entdeckung der Kinder - als Objekt der Fürsorge und als biologisches Kapital der Zukunft.
Doch diese politische Entdeckung der Kinder ist auf einem Auge blind geblieben. Nicht selten sehen sich die gleichen Politiker als Vorreiter des Kinderschutzes, die sich jeglicher Einsicht verweigern, wie sehr sie als Förderer des schnurlosen Konsums die Kinder gefährden. Sie fordern starke Kinder und posieren auf âKinder-GipfelnÕ, aber haben nicht die geringsten Bedenken, wenn schon die Föten und Neugeborenen in Landeskinderkliniken von Strahlen (DECT/WLAN) empfangen werden.
Am ehesten noch dringen die bekannten âSchuldenfallenÕ bis zu den Ohren der Verantwortlichen vor. Doch [mittlerweile] (...) zeigen [Arbeiten] zahlreiche[r] Wissenschaftler, welchen - weit gravierenderen - gesundheitlich-biologischen, genetischen und entwicklungspsychologischen Gefährdungen und Schädigungen die beschworenen Garanten der Zukunft von ihrer Geburt an ausgesetzt werden. Sie zeigen auch, wie sehr sich dabei die Verführungsstrategien der Industrie und das Wegschauen der politisch Verantwortlichen ergänzen.
Die uns vorliegenden ärztlichen Befunde bestätigen in vollem Umfang die Erkenntnisse der Schrift. Wenn Kinder und Jugendliche weiterhin der boomenden Dauerbelastung durch Elektrosmog ausgesetzt werden, fahren Industrie, Staat und ihre wissenschaftlichen Helfer unsere Zukunft gegen die Wand.
Verbraucher- und Umweltschutz - der schutzlos macht
Seit über 70 Jahren sind Schädigungen durch ungepulste elektromagnetische Felder bekannt. Und die Forschungen von Prof. Karl Hecht zu Langzeitwirkungen haben gezeigt, dass die chronischen Erkrankungen ab etwa 10-15 Jahren der Feldbelastungen drastisch zunehmen. Doch trotz aller Warnungen von Wissenschaftlern und Ärzten werden immer neue Hochfrequenztechniken in unsere Lebenswelt eingeführt, deren Wirkungen unzureichend erforscht sind - ob UMTS, DECT, WLAN, WiMAX oder digitales Fernsehen.
Wie ist das alles möglich in einem Land, das sich eines fortschrittlichen Verbraucher- und Umweltschutzes rühmt? Wie war es möglich, die uns vorliegenden Befunde geradezu systematisch zu übersehen und zu übergehen, obwohl Eltern und Ärzte auf die beunruhigenden Beobachtungen aufmerksam gemacht und um Hilfe gebeten haben? Warum haben Gesundheitsämter die erkrankten Kinder nicht aufgesucht, die reklamierten Krankheitsfälle nicht an das Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz (StMUGV), das Bundesumweltministerium, das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) und zuständige Ärztekammern gemeldet? Warum wurden von keiner Behörde Kasuistiken nach den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts angefertigt, nie Langzeitforschungen in Auftrag gegeben? Warum wurden die Schnurlos-Telefone, die nur während des Telefonierens strahlten, ohne zwingenden technischen Grund durch die DECT-Telefone ersetzt, die rund um die Uhr strahlen, bis in Entfernungen von 250 - 300 m?
Besonders zwei Antworten auf alle Fragen zeigen, in welchem Maße sich der Verbraucherschutz seinen originären Aufgaben entfremdet hat. Dr. Franz Hartmann, der Leiter des Gesundheitsamtes des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen, hat im Gespräch mit Betroffenen soeben eingeräumt, "dass die Bayerische Staatsregierung per behördeninternem Schreiben den Gesundheitsämtern untersagt hat, dass die Amtsärzte bei Berichten über gesundheitliche Probleme im Zusammenhang mit Mobilfunksendern aktiv werden". Das aber steht im Widerspruch zu den Pflichtaufgaben gemäß Verbraucherschutzgesetz. "Staatsregierung zwingt Gesundheitsämter zu gesetzeswidrigem Verhalten", hat die Bürgerinitiative Wolfratshausen zum Schutz vor Elektrosmog e. V. ihre Presseerklärung vom 18.01.08 überschrieben. Solche Pervertierungen des Schutz-Auftrags aber werden dadurch erleichtert, dass angebliche âSchutz-GremienÕ wie ICNIRP, SSK und BfS auch im Namen des Staates verkünden, ernstliche Risiken seien ihnen nicht bekannt und die geltenden Grenzwerte ein zureichender Schutz.
Doch Aussagen dieser Art kaschieren bei dem Stand der Forschung nur den Preis, der dem Volk zugemutet wird, weil sich seine Regenten für empfangene Haushaltsmilliarden zu weit der Mobilfunkindustrie verpflichtet haben. Die Annahme von 100 UMTS-Milliarden durch die Regierung Schröder droht mehr und mehr in eine moderne Variante der Geschichte von den dreißig Silberlingen einzumünden - bisher mit tatkräftigster Unterstützung christlicher Regierungen.
Wir stellen fest: StMUGV, BfS, BMU und SSK können bis heute keine wissenschaftlichen Untersuchungen über den Gesundheitszustand langzeitexponierter Menschen vorweisen, haben solche auch weder gefordert noch gefördert. Aus ärztlicher Sicht, die durch den Stand unabhängiger Forschung gedeckt ist, tragen die beobachteten behördlichen Verhaltensmuster massenhaft zu fahrlässiger Körperverletzung bei und erfüllen den Tatbestand unterlassener Hilfeleistung.
Das Bundesamt für Strahlenschutz und seine Prioritäten der Erkenntnis
Insider schätzen, dass ca. 70-80 % der Forschung von der Mobilfunkindustrie finanziert wurden und werden. Und Statistiken zeigen, wie weit der Status der Finanzierung die Wege der Erkenntnis bestimmt. Prof. Frentzel-Beyme hat in Interviews aber auch darauf hingewiesen, wie weit die Mobilfunkindustrie die Projektvergabe an âgenehmeÕ Wissenschaftler auch dort mit bestimmt, wo sich der Staat an Projektfinanzierungen beteiligt. Im Fall von Frentzel-Beyme selbst hat sich das so ausgewirkt, dass ihm mitgeteilt wurde, ein Projekt zur Erforschung der Risiken für Kinder könne derzeit keine Priorität beanspruchen!
Die angeblich fehlende Priorität der Risiken für landwirtschaftliche Tierbestände wurde behauptet, obwohl schon die bayerische Rinderstudie, deren Erkenntnisse entstellt in die Öffentlichkeit gebracht wurden, eine deutliche Sprache spricht. Schwere Schädigungen der Kälber wurden inzwischen auch mit einem Projekt der Universität Zürich bestätigt. Antennen mussten abgebaut werden. Mehrere Schweizer Landwirte haben wegen der Schädigung ihrer Tierbestände Anzeige erstattet. Sehen so Forschungsdesiderate mit fehlender Priorität aus?
Das Desinteresse des BfS gilt auch Baumschäden, die seit etwa 2004 in ganz Europa im Umfeld von Antennenanlagen beobachtet werden: Verlichtung der Kronen, Braunverfärbung der Blätter, vorzeitiger Blattfall, Vorwölbungen am Stamm, zu rasches Dickenwachstum, Aufreißen und Abplatzen der Rinde, Verfärbung der Rinde, starke Ausbreitung von Pilzen, Flechten und Moosen, Veränderung des Obstes, geringe Haltbarkeit. Gärtner begannen die geschädigten Bäume zusammen mit den nahegelegenen Mobilfunksendeanlagen zu kartieren. Forscher in Deutschland, Holland und der Schweiz gehen inzwischen den Gründen dieses durch Elektrosmog bedingten Baumsterbens nach.
Verantwortungsbewussten Ärzten und Wissenschaftlern sind solche Urteile über angeblich fehlende Prioritäten nicht nachvollziehbar. Sie fragen, ob sich eine angebliche Institution des Strahlenschutzes dabei nicht zu sehr dem Schutz kommerzieller Interessen verpflichtet hat, den Schutz unserer gesundheitlichen und volkswirtschaftlichen Zukunft darüber jedoch zunehmend aus dem Auge verliert.
Folgerungen
Alle Einzelbeobachtungen addieren sich für uns zu dem Gesamtbefund, dass Verbraucher- und Umweltschutz regional und überregional derzeit von unterdurchschnittlicher Gewissenhaftigkeit und/oder Kompetenz, aber überdurchschnittlicher Industrienähe gestaltet werden. An die Stelle einer vom Grundgesetz zugesicherten Vorsorge ist ein notorischer Leichtsinn getreten, der die Zukunft von Mensch und Natur nachhaltig gefährdet.
Bayern hat besonderen Anlass, sich für eine andere Vorstellung von Vorsorge, Verbraucher- und Umweltschutz einzusetzen. Wie kaum ein zweites deutsches Bundesland lebt es von und mit der Natur. Nach unserer Einschätzung, die sich der empirischen Beobachtung ebenso verdankt wie dem Stand der unabhängigen Forschung, steht das Land im Begriff, dem Wahn der Schnurlosigkeit unermessliche Teile seines Reichtums zu opfern.
Wir bitten Sie, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, hiermit um ein Gespräche, mit welchen Maßnahmen dem von uns diagnostizierten Verkauf von Gesundheit, Umwelt und Lebensqualität begegnet werden könnte. Wir suchen unsererseits eine Lösung der Probleme in zwei Richtungen. Wir fordern eine wirksamere Unterstützung technischer Innovationen, die unschädliche Techniken schnurloser Kommunikation bereitstellen. Solange es diese aber nicht gibt, erwarten wir vom Staat einen Verbraucher- und Umweltschutz, der die Bevölkerung nicht zu Opfern einer falsch eingeschätzten Technik macht.
(Quelle: Offener Brief an den Bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Beckstein v. 27.1.2008)
Kontakt:
Dr. med. C. Waldmann-Selsam
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