Unter diesem Titel erschien 1978 ein Taschenbuch mit damals verfügbaren neuesten Informationen zu tödlichen Risiken der Chemieproduktion - und bezog sich auf den Störfall, der die Aufmerksamkeit erstmals auf die Risiken lenkte, die verborgen, doch jederzeit durch explosive Zwischenfälle und deren Folgen unmittelbar bemerkbare Gesundheitsschäden verursachen können.
Im Juli des Sommers 1976 ereignete sich ein ebenso spektakulärer wie für die moderne Umweltforschung besonders einschneidender Chemieunfall in einer chemischen Fabrik nahe Mailand, dessen Folgeereignisse künftig mit dem Ort der Chemiefirma Seveso verbunden wurden, der am stärksten von den kleinen Städten um die Quelle des Giftunfalls betroffen war.
In der Herbizidproduktionsanlage der Chemiefirma ICMESA führte nach dem Versagen eines Regulationsventils wegen der einsetzenden "Runaway"-Reaktion zu einer Explosion. Eine eine Sichtscheibe platzte und aus dem Autoklaven trat eine Wolke des Zwischenprodukts Trichlorphenol mit Verunreinigungen durch das Dioxin TCDD aus, die sich weit in die Umgebung verbreitete. Verschiedene Dörfer und ihre umgebenden Weideflächen wurden mit dem feinen, klebrigen Niederschlag bedeckt. Erst als auffallend viele Tiere schnell starben, darunter Kühe, Katzen, Hunde, Kaninchen und Kleinvieh, ohne dass etwas getan werden konnte, wurde das ganze Ausmaß der toxischen Verschmutzung der Region bekannt. Seit dem 10.Juli 1976 gab es die im Jahre 1962 von der amerikanischen Biologin Rachel Carson in dem Buch "Der stumme Frühling" veröffentlichte, noch als fiktiv verschrieene Schreckensversion der Umweltverseuchung durch die moderne Chemie als Realität.
Was darauf folgte, war ein Musterbeispiel für die intelligente Nutzung der Katastrophe indem das natürliche Experiment für die menschliche Gesundheitsforschung kompetent umgrenzt und für eine beispielhafte Follow-up-Studie genutzt wurde.
Beispielhaft war zunächst die Konzeption der Aktion, die nun folgte. Die Provinzregierung der Lombardei ging das Risiko ein, die Forschung auf ihre Kosten zu beginnen, denn anfangs war nicht sicher, ob die Firma, die 1970 erst von dem Schweizer Unternehmen Hoffmann-La Roche übernommen worden war, sich an dem Konzept oder der Übernahme der gesamten Kosten beteiligen würde. Was das wissenschaftliche Konzept anbelangt, wurde völlig logisch vorgegangen. Wenn toxische Wirkungen bei Tieren unmittelbar sichtbar waren und bei Kleinkindern sowie auch Erwachsenen sowohl Hautsymptome mit Chlorakne wie bei Fabrikarbeitern, die mit chlorierten Produkten Kontakt hatten, als auch schwerere Zeichen vorher nicht existierender Krankheiten auftraten, auch oder sogar dann, wenn kein direkter Kontakt mit der Wolke bestanden hatte, musste eine Übertragung auch über die Umweltprodukte wie Weidegras, Gemüse, Obst und sogar Milch und andere Tierprodukte wie Eier angenommen werden. So musste eine lückenlose Erfassung der Bevölkerungen in der betroffenen Region sowie einer Kontrollregion mit gleichen Lebens- und sozialen Verhältnissen erfolgen, eine epidemiologische Studie konzipiert werden, die insbesondere Kinder betraf sowie ein Monitoring der Belastungen des Bodens wie auch in den Organismen für die quantitativen TCDD-Bestimmungen, die sich als besonders kostenträchtig erwies.
Diese ganze Aktion war ein Beweis dafür, welche Vorgehensweise sich als notwendig erweist, wenn man nach einem Chemiestörfall nicht nur akute Gesundheitsstörungen sondern auch langfristige Folgen abschätzen muss, nicht zuletzt als Profit einer solchen Katastrophe für zukünftige Folgenabschätzung und geeignete Präventionsmaßnahmen. Ein glückliches Zusammentreffen war dabei die besonders entwickelte epidemiologische Forschung auf akademischem Niveau in Norditalien und gewiss ein Vorteil für die Wissenschaft.
Die Ergebnisse dieses Unterfangens waren vielfältiger Art und galten vor allem dem vermuteten Krebsrisiko, während die unerwarteten Ergebnisse eher in den Vordergrund rückten, mit denen niemand rechnen konnte und die auch schwieriger zu interpretieren waren als Folge der einmalige toxischen Exposition. Die Menschen in den Städtchen Cedano, Desio Maderna, Meda und Seveso wurden ab dem 17. Tag zwar evakuiert, und diese Region mit den höchsten gemessenen TCDD-Werten als A-Zone deklariert, doch waren dank umsichtiger Aufzeichnungen alle Bewohner für den Follow-up erfasst und medizinisch untersucht.
Laut Zwischenbericht von Piero Bertazzi und Angela Pesatori war bis 1995 bereits eine Risikoabschätzung nach 19 Jahren epidemiologischer Beobachtung der definierten Bevölkerungen möglich. Neben den Gesundheitsschäden wurde von den Autoren herausgehoben, dass ein soziales und ökonomisches Disaster dieser Dimension bei den Betroffenen zu Angst, Unsicherheit, Stress und monatelanger, wenn nicht jahrelanger Isolation zwangsläufig auch zu enormen gesundheitlichen Auswirkungen führen musste. Wohngebäude wurden eingeebnet und Evakuierungen führten zur Entwurzelung. Das amtliche Monitoring der Bodenkontamination führte zur Definition der Studienregionen A, B und R (Referenz)
Bei Kindern war die Chlorakne in 48,1% der 3-14-jährigen ein Indikator für die Intensität der Exposition in Region A. Der Follow-up der Studienbevölkerung war in 99% erfolgreich. Fast 42000 medizinische Befundberichte und Akten wurden ausgewertet von 210000 Personen in den drei Regionen und mit den Angaben aus der Referenzbevölkerung ( 1,2 Millionen aus der umgebenden Provinz) verglichen.
Die Mortalität war in der Zone A bereits nach 10 Jahren (1986) für Männer besonders hoch, was auf die Stressoren der gesamten Störfallfolgen als zusätzliche Belastung zu der erkennbaren TCDD-Toxizität interpretiert wurden. So war das Risiko für Herzkreislaufkrankheiten (chronisch und akut, u.a. Infarkt) in den ersten 5 Jahren (1976-1981) um das fünffache, davon für Infarkt um das doppelte erhöht. An Hirnschlag verstarben im Zehnjahreszeitraum (1976-1986) dreimal mehr Männer als erwartet. Für Frauen war das Risiko für Herzkreislaufkrankheiten ebenfalls um das doppelte erhöht, besonders hoch jedoch für die chronisch rheumatische Krankheitsbilder wie Herzklappendefekte ( Risikorate 27,6).
Leberkrebs, Lymphoma, Sarkome und myeloide Krankheiten (multiples Myelom) waren bei Männern und Frauen der Region B mit über 2- bis 5-fachen Risikoraten statistisch gesichert häufiger als in der Referenzbevölkerung aufgetreten. Nicht dagegen fanden sich erhöhte Risiken für Brustkrebs oder Uteruskarzinom, woraus eine mögliche Schutzwirkung infolge der hormonimitierenden Wirkung von Dioxinen abgeleitet wurde.
Dass diese Wirkungen besonders in der weniger kontaminierten Region B erkennbar wurden, wird einerseits mit der insgesamt größeren Bevölkerung in dieser Zone, aber auch mit der hohen Sterblichkeit akuten Herzkrankheiten erklärt, die anscheinend besonders empfindliche Personen vor dem klinisch erkennbaren Auftreten einer bösartige chronische Krankheit traf.
Dieses Phänomen existiert für epidemiologische Kohortenstudien ganz generell und führt häufig zur Unterschätzung der wahren Höhe eines Risikos.
Ein Störfall innerhalb der früheren Chemiefirma Hoechst im Jahr 1993 führte zur sofortigen Einleitung einer gleichartig geplanten Follow-up-Studie der betroffenen Bevölkerung von 15 000 Anwohnern der unterschiedlich kontaminierten Zonen. Auch hier erfolgte die Finanzierung indirekt durch die Verursacher, die inzwischen aufgelöste Hoechst-AG. Nach erfolgreicher Erfassung der Risikobevölkerung im Jahr 1996 sollte eine Bewertung der Mortalität und Morbidität im Jahr 2004 - also über 10 Jahre nach dem Störfall - erfolgen (Frentzel-Beyme und Greiser, 1996), was infolge einer erkennbaren Verschleppungstaktik seitens des Gesundheitsamtes Frankfurt leider bis heute verzögert wurde, obwohl zunächst gemeinsame Anstrengungen erkennbar wurden (Heudorf und Peters, 1996) und sich schon kurzfristig heftige Reaktionen bei betroffenen Kindern und Erwachsenen auf die "gelbe Wolke" gezeigt hatten. Falls nicht die Absicht dahinter steckt, diese wissenschaftliche Untersuchung durch ein unabhängiges Forschungsinstitut gänzlich zu vereiteln, ist nur zu hoffen, dass diese Chance einer wissenschaftlichen Abklärung von eventuellen Langzeitfolgen durch eine bislang unerforschte Kombination chemischer Umweltbelastungen mit adäquaten Methoden nicht gänzlich vertan wird.
Hierzu bleibt nur der Kommentar des dänischen Epidemiologen Jörn Olsen: Jede zivilisierte Gesellschaft ist an ihrer Sorge für Bevölkerung zu erkennen, was Zugang zu Information erfordert. Epidemiologen, Toxikologen, Kliniker und andere sollten bereit sein, für solche Information zu sorgen, ob danach gefragt wird oder nicht.
Bertazzi, PA: Industrial disasters and epidemiology. A review of recent experiences. Scandinavian Journal of Work , Environment and Health, 15, 85-100, 1989
Bertazzi, PA, Pesatori, AC, Consonni, D, et al.: Cancer incidence in a population accidentally exposed to 2,3,7,8-Tetrachlorodibenzo-p-dioxin. Epidemiology, 4, 398-406, 1993
Bertazzi, PA, Zocchettie, C, Pesatori, AC, et al: Ten-year mortality study of the population involved in the Seveso incident in 1976.
American Journal of Epidemiology. 129, 1187-1200, 1989:
Bertazzi, PA, Pesatori, AC, Zocchetti, C: Industrial accidents as cause for environmental health risks: The Seveso Episode. In: Frentzel-Beyme, R, et al. (Hrsg.): European Symposium on Environmental Epidemiology, Proceedings of an International Symposium, Bremen 13-14 November, 1995, BIPS Bremen, 1996 (ISBN 3-88722-356-X):
Heudorf, U, Peters, M: Chemical Accident at Hoechst AG Frankfurt/Main, Germany, 1993: Environmental pollution, redevelopment, investigation of international exposure of the population, risk assessment and ongoing studies. In: Frentzel-Beyme, R, et al. (Hrsg.): European Symposium on Environmental Epidemiology, Proceedings of an International Symposium, Bremen 13-14 November, 1995, BIPS Bremen, 1996 (ISBN 3-88722-356-X)
Frentzel-Beyme, R, Greiser, K: Exposure registry for the population exposed during an accident in a chemical factory in Frankfurt: Design and implementation. In: Frentzel-Beyme, R, et al (Hrsg.): European Symposium on Environmental Epidemiology, Proceedings of an International Symposium, Bremen 13-14 November, 1995, BIPS Bremen, 1996 (ISBN 3-88722-356-X)
Koch, E.: Seveso ist überall. Kiepenheuer und Witsch, 1978
Olsen, J.: Overview and conclusions. In: Frentzel-Beyme, R, et al. (Hrsg.): European Symposium on Environmental Epidemiology, Proceeding of an International Symposium, Bremen 13-14 November, 1995, BIPS Bremen, 1996 , p. 420