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Umweltkrank durch NATO-Treibstoff? - eine persönliche Bilanz

Nach fast 15 Jahren ist meine Recherche zu den Ursachen von MCS (Multiple Chemikalien-Sensitivität) beendet. Wie bekannt bin ich der Auffassung, dass es für das Entstehen von MCS unerlässlich ist, dass sich eine militärische Einrichtung des westlichen Verteidigungssystems in der Umgebung befindet. Der MCS verursachende Stoff, der dort freigesetzt wird, stammt nach meinen Ergebnissen aus dem von den US-Streitkräften entwickelten (und nur vom westlichen Militär verwendeten) Universaltreibstoff JP-8/JP-8+ 100.

JP-8 hat bei vielen Menschen (und im Tierversuch erwiesen) den Effekt, dass nach Haut- und/oder Schleimhautkontakt quasi „Löcher“ in Haut und Schleimhaut entstehen, die die Barrierefähigkeit und Abwehrkraft eines Organismus zerstören. Die gleichzeitige Einlagerung äußerst reaktiver Bestandteile des Treibstoffes im Körper bewirkt, dass man schutzlos seiner chemischen Umwelt ausgeliefert und permanent extrem reaktionsfähig ist. Der vergiftete Körper leidet dann an einer klassischen MCS. MCS ist im wesentlichen identisch mit dem Golfkriegs-Syndrom 1.

1 siehe hierzu meine Veröffentlichungen „Umweltkrank durch NATO- Treibstoff?“, Heidelberg: PVH 2001; Wissenschaft und Frieden 1/2002: 65-68; umwelt-medizin-gesellschaft 16(4/2003): 286-289.

Mit einer Mischung aus Selbsterhaltungstrieb (um zu überleben, musste ich herausbekommen, was unbedingt zu meiden war) und Idealismus habe ich mich meist allein mit den Fragen zu Emissionen aus dem Mi1itärbereich herumgeschlagen und naiv geglaubt, das Rätsel MCS lösen zu können.

Ergebnisse
1. Meinen mit 11,3 µg/l (Serum) sehr hohen HCB-Wert (Hexachlorbenzol) verstehe ich als eine Hinweis auf eine Treibstoffbelastung an meinem damaligen Wohnort.
2. Da ich immer wieder auf Hinweise auf eine Verbleiung von JP-8 stieß, ließ ich den Staub aus dem Haus, in dem ich in Franken krank geworden war, auf Blei untersuchen: 200 mg/kg! (Das 50%-Perzentil für Hausstaub in Deutschland liegt bei 4-5 mg/kg (Umwelt Survey 1990, erschienen 2001). Die mittlere Bleibelastung von Böden (im Freien) in Schleswig-Holstein beträgt ca. 35 mg/kg (Prof. 0. Wassermann, mdl. telefon.).
3. In der Nähe unseres damaligen Hauses befand sich eine aufgelassene US-Militärliegenschaft, heute als Kinderspielplatz genutzt. Es heißt, die Amerikaner hätten auf dem Areal militärisches Material entsorgt. In einem nahe gelegenen Kindergarten-Neubau, in dem auffällig viele Personen erkrankten, wurde nach einem Zufallsverdacht ein Arsenwert von 50 mg/kg festgestellt. Dies war 1993 der höchste Arsenwert, der je in einer deutschen Hausstaubprobe gemessen wurde. So ließ auch ich den Staub aus dem Haus, in dem ich krank geworden bin, auf Arsen untersuchen: 20 mg/kg. Zum Vergleich die Werte aus unserer jetzigen Wohnung, in der ich keine gesundheitlichen Probleme habe: Blei 12 mg/kg und Arsen 2,9 mg/kg.

Interessante Fährten
1. Die Symptomatik einer Vergiftung durch 1,2-Dibromethan (EDB) ähnelt verblüffend der Symptomatik, die ich in Franken hatte und an der viele MCS-Kranke leiden. Da normalerweise bei einem verbleiten Treibstoff ein Zusatz von einem Scavenger wie 1,2-Dibromethan technisch notwendig ist, versuchte ich, EDB in einer Treibstoff-Probe der Bundeswehr (F-34) nachweisen zu lassen. Laut Laborbericht wurde nichts gefunden. Soweit ich weiß, ist F-34 aber nicht identisch mit dem JP-8 des US-Militärs. Eine amerikanische JP-8-Probe konnte jedoch nicht untersucht werden, da das Labor mir telefonisch mitteilte, JP-8 wäre verdampft und in dem Proben-Behältnis nicht mehr vorhanden. Es ist mir nicht gelungen, eine weitere JP-8 Probe beschaffen zu lassen.
2. Eine kleine Anfrage im Bundestag zu den Inhaltsstoffen militärisch genutzter Treibstoffe erbrachte den Hinweis auf ein „Detergent/Dispersant-Additiv auf Seifenbasis im Gemisch mit phenolischen Antioxidantien, dessen Zusammensetzung patentrecht1ich geschützt“ und auch dem Verteidigungsministerium nicht bekannt ist (siehe mein Buch S. 110). Also habe ich mich am Ende meiner Recherche mit Tensiden befasst. Besonders das in allen westlichen Ländern in Mengen gefundene und inzwischen in den USA still und 1eise verbotene Fluortensid PFOS (Perfluoroktansulfonsäure) habe ich lange im Verdacht gehabt, der entscheidende MCS-verursachende Stoff im JP-8 zu sein. Einige MCS-Kranke ließen ihr Blut auf PFOS untersuchen. Doch die Ergebnisse waren mit +/- 1- 20-30 µg/l weit niedriger als Werte aus der Arbeitsmedizin, die oft im Tausenderbereich liegen sollen. Meine gesunde Vergleichsperson (ohne MCS) hatte sogar den höchsten Wert. Schwer war es, ein Labor zu finden, um den Hausstaub von MCS-Kranken auf PFOS untersuchen zu lassen. Doch auch hier brachten die Ergebnisse keine Bestätigung meines Verdachts: Starnberg (208 µg/kg), Remscheid (712 µg/kg) und Alzey (900 µg/kg). Nicht nur dass die Ergebnisse sehr niedrig sind im Vergleich zu Durchschnittwerten für die USA (US-EPA: bis 8.000 µg/kg) und für Kanada (400 – 5.000 µg/kg), sondern obendrein hat die kränkeste MCS-Person den niedrigsten und die fitteste den höchsten Hausstaubwert.
Trotzdem bin ich der Meinung, dass PFOS gerade für MCS-Kranke an vielen Orten eine wichtige Belastung darstellt. Meiner Ansicht nach liegt das Problem in der beträchtlichen Verwendung von PFOS als Löschschaum auf Militärgeländen mit den entsprechenden Verunreinigungen von Böden und Gewässern. Interessierte seien verwiesen auf die im Auftrag des Umweltbundesamtes erstellte Studie „Bewertung des Einsatzes von Chemikalien zur Entfernung von Mineralöl auf Binnengewässern“ (FIUC-Bericht 2002-12, www.fiuc.de) der Autoren H.-D. Stürmer und Maike Brabenec. Tenside wie PFOS haben u.a. die Aufgabe, bestimmte Stoffe (z.B. Ölteppiche auf Gewässern, brennenden Treibstoff) in kleinste Partikel zu zerlegen und zwecks Beseitigung zu umschließen. Solch ein Tensid-Teilchen samt seinem Inhalt ist eine sogenannte Micelle, die so klein ist, dass sie zell- und lungengängig ist. Ein Tensid wie das PFOS ist nicht nur selbst höchst giftig, sondern es wird auch zum Vehikel, das mit seinem jeweiligen giftigen Inhalt ungehindert in einen geschädigten MCS-Organismus eindringen kann. Hierzu ein Zitat aus der Studie: „Aufgrund der Erfahrungen (...) mit mehreren Personen, die unter MCS leiden (...) und bei denen im Blut als einzig auffälliger Fremdstoff hohe Werte an PFOS gefunden wurden, besteht der Verdacht, dass für eine noch näher zu definierende Personengruppe ein besonderes humantoxisches Risiko besteht, an den zunehmenden Fluortensid-Spuren in der Umwelt zu erkranken“ (S. 27).

Persönlicher Zustand
Nach 13 Jahren in unserer jetzigen Wohnung bin ich so gut wie MCS-frei und kann jeden Raum mit Bildern, Büchern, Fax, Kopierer, Drucker und auch dicken Teppichen problemlos nutzen. Ich kann (so oft und so lange ich will) in jeden Supermarkt gehen, in Apotheken, Tierarztpraxen, zur Bank, zum Arzt und Zahnarzt, in alle Geschäfte, in Restaurants, kann auf Wein- und Grillfesten essen und trinken, was ich mag, und bin normal gekleidet. Rieche ich Parfüms, empfinde ich dies zwar meist als unangenehm, doch habe ich keine lang anhaltenden Symptome mehr.

Das bedeutet leider nicht, dass ich keine MCS mehr habe. Man kann sagen, dass ich nur unter bestimmten Bedingungen MCS-frei bin. Im wesentlichen sind es die folgenden Bereiche, die mir auch heute noch schwere MCS-Probleme bereiten.

1. Militäranlagen
Immer wieder mache ich auf Reisen und Ausflügen die Erfahrung, dass für mich das alles Entscheidende der richtige Ort ist. Jüngstes Beispiel: 10 Stunden Fahrt (inkl. Tunnels und Staus) waren kein Problem, der Aufenthalt in der Zielregion (Spaziergänge, Restaurantbesuch) ebenfalls nicht. Doch dann hinter einem Kap gelegen ein Ort, an dem ich sofort zu zittern begann, schwindlig, schwach und benommen wurde. Es stellte sich heraus, dass dies der einzige Ort weit und breit war, an dem sich diverse Militäranlagen befanden. Nach raschem Verlassen des Ortes war ich noch 2-3 Stunden beeinträchtigt, doch dann hatte ich mich erholt und habe noch eine problemlose Zeit in einem ganz normalen Hotel verbracht.

2. Totalherbizide
Immer dann, wenn in der Landwirtschaft Totalherbizide wie das neue „Roundup Ultra Max“ des US-Herstellers Monsanto versprüht werden, habe ich Probleme. Doch wenn die Spritzaktion vorbei ist und ich den Kontakt mit den behandelten Böden vermeide, habe ich trotz der zahlreichen Weinberge und Felder in meiner Umgebung im Ort selbst keine Probleme. Auch bei den Totalherbiziden liegt das Problem nach meinen Erkenntnissen in dem Zusatz von hochwirksamen Tensiden, die (wie beim JP-8) aus patentrechtlichen Gründen geheimgehalten werden.

3. Militärische Luftbetankung
Findet über mir eine militärische Luftbetankung statt, treten nicht nur bei mir große gesundheitliche Probleme auf. Dies ist besonders in solchen Regionen der Fall, in denen konstante militärische Betankungsgebiete in der Luft (air refuelling anchors) eingerichtet sind. Hier sollten sich Ärzte und Betroffene informieren und ggfs. bei den Behörden protestieren.

Fazit
Zum Abschluss meiner Recherche steht für mich außer Zweifel, dass MCS und Militär untrennbar zusammengehören. Auch bin ich nach wie vor überzeugt, dass JP-8 für die Entstehung von MCS das entscheidende Stoffgemisch ist. Doch um welche einzelnen Bestandteile es sich dabei handelt, kann ich leider nicht beantworten. Ich würde mich sehr freuen, wenn sich Personen fänden, die meine offenen Fragen aufgreifen und weiterverfolgen würden.

Marion Hahn
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