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Prof. Frentzel-Beyme weist Angriffe von Prof. Lerchl zurück

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Im Zuge seiner kritikhaltigen Beiträge, die auch zu Leserzuschriften an die umg führten (siehe umg 2/2007, S. 141, 142), empört sich Prof. Lerchl unter anderem auch darüber, dass seiner Ansicht nach immer dann unzureichend publiziert wird, wenn ein Ergebnis der Entlastung der Mobilfunkindustrie vom Verdacht gesundheitsschädlicher Effekte dienen könnte. An dieser Stelle dokumentieren wir in Ausschnitten eine Stellungnahme von Prof. Frentzel-Beyme, in der er einige Anmerkungen zu den Schwachpunkten der Beiträge von Prof. Lerchl sowohl im Forschungssektor als auch in seinen für die Öffentlichkeit gedachten Kommentaren zusammengestellt hat (Red.).

Anfang Juli erschien in einer Lokalausgabe des Weserkurier für Ritterhude-Osterholz ein völlig unberechtigter Vorwurf, dass bestimmte Ergebnisse aus einer Kinderstudie in Ritterhude von mir zurückgehalten würden, weil ein Zusammenhang der gefundenen Chromomenstörungen mit Wirkungen seitens des einzigen, zentralen Mobilfunkmasten der Stadt nicht gefunden wurde.
Kernaussage der Angriffe des Biologen Prof. Lerchl, dessen Erfahrung wohl lediglich auf tierexperimentellen Forschungsergebnissen beruht, ist jeweils die auch in einem Leserbrief an umg wiederholte Aussage, die Befürworter von Prävention gegenüber Mobilfunkstrahlung würden einerseits nur selektiv diejenige Forschung zitieren, die Risiken ergeben hat und andererseits würden entlastende sog. negative Studienergebnisse zurückgehalten.

Diese Vorwürfe sind aus mehreren Gründen fragwürdig.
Allgemein anerkannt ist die Maxime, dass Prävention bereits bei Vorliegen erster Hinweise auf gefährliche Zusammenhänge erfolgen muss, ohne die wissenschaftliche Absicherung und Erklärung des gesamten Mechanismus der Krankheitsgefährdung abzuwarten, die oft lange Zeit nicht aufgeklärt werden können, weil weitere Exposition unverantwortlich wäre, wenn der Zusammenhang sich als zutreffend erweisen würde.
Da das Prinzip selten auch im Interesse der Verursacher ist, sorgen diese für Gegendarstellungen und skeptische Kommentare, so dass eine Kontroverse erzeugt wird, die dem Zeitgewinn dient und gleichzeitig Gelegenheit gibt, weitere Forschung zu fordern, die z.T. sogar finanziell gefördert wird.
Weiterhin ist anerkannt und dürfte auch dem wissenschaftlich arbeitenden Biologen bekannt sein, dass für den Ausschluss negativer Effekte (= Abwesenheit eines Effekts) auf die Gesundheit weit größere Untersuchungszahlen erforderlich sind, als für die Aufdeckung eines Effekts. Insofern geht der Vorwurf ins Leere, solange die Finanzierung für entsprechende Ansätze ohne gefundene Zusammenhänge nicht ausreicht, um die notwendige Probandenzahl zu erreichen, die eine gesicherte Aussage zulässt. Jeweils von ihm angegriffene Projekte hatten aber mangels solcher Finanzierungen - trotz gestellter Anträge auf Förderung - das Problem, nur geringe Probandenzahlen pro Pilot- oder Machbarkeitsstudie zu umfassen, da die Ansätze zunächst der Demonstration des Prinzips dienen sollten. Sich auf solche Ergebnisse mit billiger Kritik zu stürzen, verrät wenig Verständnis für die Methoden.

Hier kommt ein zweiter Aspekt hinzu, da auch Prof. Lerchl von diesem Vorgehen profitiert hat. Da die Forschungsergebnisse von Michael Repacholi entkräftet werden sollten und die einzige "Gegenstudie" aus Australien trotz der Behauptung, es handele sich um eine Replikation der Repacholi-Studie, so hoffnungslos schlecht durchgeführt wurde, dass die Ergebnisse unglaubwürdig waren, sollten weitere Tierversuche mit Mobilfunkfrequenzen einschließlich UMTS erfolgen, wozu sich Prof. Lerchl erfolgreich (unter Einbeziehung politischer Förderer aus dem Bremer Senat) beworben hatte. Einige Ergebnisse seiner Forschung zu Effekten der Niedrigfrequenz wurden in Radiation Research veröffentlicht, was zunächst plausibel erscheint. Wenig plausibel war die Präsentation der Ergebnisse der nächsten Generation von Mäusestudien unter dem Titel: "Keine Effekte der GSM-modulierten 900 MHz elektromagnetischen Felder auf die Überlebensrate und spontane Entstehung von Lymphomen bei weiblichen AKR/J Mäusen" (SOMMER et al. 2006), obwohl unverhohlen ein gefundener starker Effekt mitgeteilt wird, der sich als rätselhaft erweist und nicht erklärt wird. Die bestrahlten weiblichen Mäuse hatten eine signifikante Gewichtszunahme bis zur Verfettung gezeigt (im Original: obesity), was sich bei gezüchteten und wilden Mäusen auch bei freiem Zugang zu Futter gewöhnlich nicht zeigt. Zwar galt die Studie vorrangig der Häufung von Tumorformen, die bei diesem Mäusestamm durch angeborene Virämie (Virusbefall im Blut) beschleunigt und durch Mobilfunkstrahlung bei Repacholi vorzeitig gegenüber einer Kontrollgruppe auftreten, doch sollten biologisch relevante Effekte nicht ignoriert werden. Die vermutlich zutreffende Erklärung einer neuroendokrinologischen Regulationsstörung bei den Mäusen mit verändertem Fressverhalten oder Metabolismusstörungen wurden von den Biologen der Forschungsgruppe von Prof. Lerchl nicht interpretiert, obwohl es sich dabei sehr wohl um einen bedeutsamen biologischen Effekt nach Bestrahlung handeln dürfte. Von den Autoren wird nur das mit den Kontrollmäusen vergleichbare Trinkverhalten als Nachweis angeführt, dass sich keine Veränderungen ergeben hätten. Dass diese simplistische Erklärungsweise besonders Ärzte empört hat, denen Prof. Lerchl seine Ergebnisse als Nachweise der Harmlosigkeit der Strahlung vortrug, verwundert nicht.
Die Titel seiner Publikationen versprechen jeweils Ergebnisse, die nur bedingt hinsichtlich der Tumorentstehung zutrafen. Die Wahl der Zeitschrift Radiation Research für gleich zwei neuere Publikationen mit einer Koautorin hat jedoch auch noch eine besondere Note.
Schweizer und amerikanische Autoren haben die Publikationen zum Thema Mobilfunk nach Aussagen (positive oder negative Befunde) zusammengestellt und die bevorzugten Zeitschriften genannt, in denen publiziert wurde. Sie erklären den Anteil von Artikeln mit unbedenklichen Befunden mit der Sponsorship der entsprechenden Forschungsergebnisse.

Das Ergebnis einer Untersuchung aus den USA zeigte ein erhebliches Übergewicht von negativen Ergebnissen (keine Effekte in 21 Artikeln, die von der US-Airforce finanziert wurden) gegenüber nur einem Bericht über eine schädliche Wirkung der elektromagnetischen Strahlung in der Zeitschrift Radiation Research mit direkten Einflüssen auf die Auswahl von zur Publikation angenommenen Beiträgen (Harril, R, 2005, Microwave News 2006).
Wohlgemerkt wurden die Sponsoren und Finanzierungsquellen jeweils offengelegt, wobei sich folgende Auffälligkeiten ergaben:
Die Schweizer Autoren haben den Zusammenhang zwischen Sponsoren von adäquat durchgeführten Studien und den veröffentlichten Resultaten zum Ergebnis analysiert und fanden eine wenig überraschende Übereinstimmung zwischen Finanzier und Ergebnis in der Zusammenfassung und im vollen Text der Arbeiten mit industrie-abhängigen Untersuchern.
Als Fazit wird festgestellt:
• In 68 % der insgesamt 59 analysierten Publikationen wurden ein oder mehrere signifikante Ergebnisse zu Expositionsfolgen berichtet.
• Studien, die ausschließlich von der Industrie finanziert waren, berichteten zwar die größte Zahl von Befunden, aber diese ergaben kaum statistisch signifikante Ergebnisse.

Huss, A, et al. berichteten Anfang 2007 in der Zeitschrift der EPA Umweltbehörde der USA Environmental Health Perspectives:
Ausgewertet wurden 59 Studien
• Von den Untersuchungen, die ausschließlich von der Industrie gefördert wurden, waren nur in 33 % Effekte als statistisch signifikant berichtet worden, also gesicherte Ergebnisse.
• Von Studien, die öffentlich/gemeinnützig finanziert wurden, erbrachten 82 % ein eindeutig positives Ergebnis.
Bei den gemischt finanzierten Studien ergab sich in 77 % ein statistisch signifikant positiver Befund.
Die systematische Übersicht über experimentelle Studien von Huss et al. (2006) kommt zu dem Schluss, dass die Interpretation der Resultate von Studien über Gesundheitseffekte nach Einwirkung von Radiofrequenzen immer die Sponsoren berücksichtigen sollte.

Henry Lai, University of Washington/Seattle, fand 2006 unter 85 Arbeiten zum Thema seit 1990
43 mit Effekten und 42 ohne biologische Wirkungen, jedoch
32 von der US-Airforce finanzierte Studien (von 35) fanden keine Effekte;

Publikationen in "Radiation Research" seit 1990
21 mit negativen Befunden, von US Airforce finanziert
- nur eine (1) zeigte eine schädliche Wirkung.

Wenn sich derart deutlich machen lässt, welches System hinter der vorgeblich rein wissenschaftlichen Forschung steht, sind Forderungen zu verstehen, die sich gegen weitere finanziell aufwändige Studien im Mobilfunkbereich aussprechen.
Hinzu kommt, dass sich neben den deklarierten Beziehungen zu Sponsoren noch die ebenfalls kontroversen Stellungnahmen und Kritiken an unerwünschten Ergebnissen von professioneller Seite ergeben haben, deren heimliche Verbindungen zur Industrie sich erst aufgrund offengelegter Dokumente herausfinden ließen (HARDELL et al. 2007).

Neben diesen Einlassungen verstieg sich Prof. Lerchl in einer Sendung des Radio Bremen (Buten und Binnen, 24.8.2007) zu der unwahren Behauptung, weltweit und in Deutschland hätte sich kein Anstieg der Hirntumoren und Leukämien wie auch Bluttumoren ergeben.
Als Mitautor der ersten beiden Auflagen des Krebsatlas musste ich diese Aussage anzweifeln, da sich seit 1995 ein deutlicher Anstieg von zuvor nur 2-3/100.000 Todesfällen an einem Hirntumor in der ehemaligen Bundesrepublik seit 1995 ein geradezu rasanter Anstieg bis auf das doppelte bei Männern und Frauen ergeben hat, der nur durch die Raten in der ehemaligen DDR noch übertroffen wurde. Auch die Daten des Krebsregisters des Saarlands, auf die Prof. Lerchl seine unhaltbare Aussage zurückführt, zeigt seit 1993 einen Anstieg der Hirntumorraten von um 6-7/100.000 auf fast 10/100.000Neurerkankungsfälle seit 2004 in der Bevölkerung bei Männern und Frauen, während sich die Sterblichkeit von vor 1993 um 4 bei Frauen in den Bereich 6/100.000 anstieg, wie in der deutschen Gesamtbevölkerung (s. o.). In der Schweiz wurde seit 1969 bis 2002 eine signifikante Zunahme der Sterblichkeit an Hirntumoren von 3,7/ 100.000 auf 6,7/ 100.000 ei Männern festgestellt (RÖÖSLI et al. 2007). In Dänemark zeigte sich im Krebsregister seit 1980 bis 1996 ebenfalls ein Anstieg der Tumoren des Zentralnervensystem um 2,9 % pro Jahr bei Kindern und Jugendlichen (RAASCHOU-NIELSEN et al. 2006).
Abgesehen davon, dass mittels solcher Datenanalysen keine ursächlichen Zusammenhänge nachgewiesen werden können, erhebt sich die Frage, welche Motive bei dem Fachmann für Tierexperimente für eine so offensichtliche Gefälligkeitsaussage pro Mobilfunk in einer Sendung bestanden haben mögen, die der Sendung Tatort zum Problem des Umgangs mit Beschwerden in der Bevölkerung Bremens (ARD, 26.8.2007) vorausging, kann nur vermutet werden.
Ganz tendenziös erwähnte Prof. Lerchl auch die "Studie von Prof. Leitgeb", einem Experten für elektromagnetische Felder und Bedenkenträger bezüglich der Belastung von Kindern, dessen Experimente zu Befindlichkeitsstörungen (im kontrollierten Experiment) nichts ergeben habe. Die wichtigen Studien in der menschlichen Bevölkerung unter alltäglichen Stressbelastungen mit Messwerten zur Strahlenbelastung aus Österreich (HUTTER et al. 2006), Spanien (NAVARRO et al. 2003),und Ägypten (ABDEL RASSOUL et al. 2007), die außerordentlich hohe statistisch gesicherte Risikoraten für schwere Störungen der Leistungsfähigkeit und Schlafqualität ergeben haben, ignoriert er dagegen, da sie offenbar von der Mobilfunkindustrie für die Ärzte-Informationsveranstaltungen als nicht geeignet erklärt werden, an denen Prof. Lerchl sich beteiligt. Die Studie in Ägypten erfolgte im übrigen in Zusammenarbeit mit der EPA der USA.

Aus dieser Perspektive wird verständlich, dass Präventivmediziner zahlreichen oft subtil interpretierten Ergebnissen aus einer bestimmten Auftragsforschung skeptisch gegenüber treten und sich bevorzugt auf originäre Arbeiten beziehen, bevor diese einer eingehenden Nachprüfung und sogar manipulierten Gegendarstellung mit dem Ziel unterzogen wurden, Unsicherheit und Kontroverse zu erzeugen.

Nachweise:
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Microwave News (ohne Autor): Radiation Research and the cult of negative results. Microwave News XXVI (4), 1-5, 2006
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