Vorbemerkung
Die Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften ist den von verschiedenen Wissenschaftlern und Organisationen vorgetragenen Bedenken zur Kommerzialisierung der sog. grünen Gentechnik mit einer provozierend betitelten Stellungnahme "Kampagnen gegen die Grüne Gentechnik entbehren wissenschaftlicher Grundlage" massiv entgegengetreten (Pressemitteilung vom 30.05.06) und bezieht sich u. a. auf ein von ihr im Auftrag der GMO-Initiative des InterAcademy Panel erstelltes Memorandum. Die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) sah sich dadurch veranlasst, die vorgebrachten Argumente kritisch zu prüfen und ggf. zu widerlegen. Die Kritik der VDW an der Akademieunion geht weit über die eigene Standortbestimmung zu einem wissenschaftlich kontrovers geführten Sachverhalt hinaus. Die VDW hält die Argumentation der Akademieunion nicht nur für einseitig und erschreckend oberflächlich, sondern auch für beispiellos in der verfälschenden Darstellung gesundheitsförderlicher Lebensmittel. Die zusammengefasste Stellungnahme der VDW wird im Folgenden zur Diskussion gestellt.
Die Formulierung der Akademieunion "Es gibt eine Abschätzung, dass bei unseren Ernährungsbedingungen die überwiegende Menge aller aufgenommenen krebserregenden Substanzen aus der natürlichen pflanzlichen Nahrung stammen" (Memorandum, S. 2) erweckt beim Leser den Eindruck, dass "die natürliche pflanzliche Nahrung" unter Verdacht steht, krebserregend zu sein. Der internationale wissenschaftliche Kenntnisstand weist jedoch klar aus, dass die pflanzliche Nahrung, also Gemüse und Obst, aufgrund der zahlreichen die Tumorentstehung verhindernden Mechanismen ein hohes vor Krebserkrankung schützendes Potential hat. Entsprechend heißt es in einer DFG-Mitteilung: "In conclusion, together with the strong epidemiological evidence for a cancer-protective effect of vegetable consumption, it could be postulated that the mutagenicity from substances taken up with vegetables is more than compensated by protective effects." (DFG 2000: Senate Commission on Food Safety: Carcinogenic and Anticarcinogenic Factors in Food, Wiley-VCH, p. 506). Das o. g. Zitat der Akademieunion kann vor dem Hintergrund dieses wissenschaftlich unumstrittenen Sachverhaltes nur als eine intentionale Verunsicherung des Verbrauchers gewertet werden.
Der Behauptung der Akademieunion "Außerdem muss man wissen, dass die in Europa zugelassenen oder zur Zulassung anstehenden GVO in den USA und anderen Ländern schon seit Jahren angebaut wurden und bereits Nahrungsbestandteil für Hunderte Millionen Menschen waren. Dabei gab es keinen wissenschaftlich fundierten Bericht, der eine Gefährdung voraussah, und später ebenso keinen einzigen darüber, dass Menschen durch die Nahrungsmittel zu schaden gekommen sind" stellt sich die VDW in folgender Weise entgegen. In der Diktion der Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften wird hier beim Leser der Eindruck erweckt, dass es keine wissenschaftlich fundierten Studien oder Daten gäbe, die ein entsprechendes gesundheitliches Risiko für Lebensmittel aus GVO ausweisen würden, wiewohl hunderte Millionen Menschen solche Nahrungsmittel bereits zu sich genommen hätten. Hier ist entgegenzuhalten, dass allein aus Gründen der Machbarkeit und Finanzierbarkeit Studien an Millionen Menschen nicht durchführbar sind. Studien dieser Art kann es demnach gar nicht geben. Daher macht es auch keinen Sinn, das Fehlen von entsprechenden Untersuchungsergebnissen als wissenschaftliches Argument einzuführen. Es ist nachgerade umgekehrt: Aus dem Fehlen von Untersuchungen kann, wenn man wissenschaftlich zu argumentieren bestrebt ist, keinesfalls eine Abwesenheit von Veränderungen, möglicherweise auch schädlichen, abgeleitet werden.
In der Pressemitteilung der Akademieunion vom 30.05.06 heißt es weiter: "Nicht nur große Unternehmen, sondern vor allem kleine Bauern profitieren von den gentechnisch veränderten Kulturpflanzen. Die Technologie trägt dazu bei, dass die Armut der Kleinbauern in Entwicklungsländern abgemildert wird." Die VDW stellt hierzu fest, dass die Behauptung, der Anbau transgener Nutzpflanzen nütze in nicht industrialisierten Ländern kleinbäuerlichen Betrieben, von der Union überhaupt nicht belegt ist. Alles, was halbwegs abgesichert über die Anbauregime herbizidtoleranter Nutzpflanzen bekannt ist, deutet darauf hin, dass die erheblich höheren Saatgut- und Herbizidkosten sich nur für größere und rationalisierte Betriebe rechnen. Dabei sind die enormen Risiken, die in der weiteren großflächigen Uniformierung durch den Anbau nur weniger Sorten von z.B. Getreide begründet sind, noch gar nicht berücksichtigt. Weiter unterstreicht die VDW, dass sich die Verfahren der Gentechnik zur Herstellung transgener Pflanzen auf Modelle der deterministischen Herleitung von Wirkungszusammenhängen stützen, die letztlich in den mechanistischen Vorstellungen des 18. und 19. Jahrhunderts gründen. Zur Problematik dieses Ansatzes hat die VDW in ihrer "Potsdamer Denkschrift" (München 2005: oekom) ausführlich wissenschaftstheoretisch und methodenkritisch Stellung genommen und kommt zu dem Ergebnis, dass das "krampfhafte Festhalten an den veralteten starren Vorstellungen und Denkweisen" zu verbreitet erkennbaren sozialen und ökonomischen Katastrophen führt und dass der notwendige kulturell-ökonomische Wandel in dieser Fixierung wie in einem Teufelskreis blockiert wird. Nach Auffassung der VDW besteht der aus dieser ökologischen, ökonomischen und kulturellen Krise führende Ausweg darin, dass die Ökonomie wieder als integraler und dienender Teil der Kultur aufgefasst wird und dass nicht umgekehrt sich Kultur und Lebenswirklichkeit der Ökonomie anpassen müssen. Das diesem Prozess zugrunde liegende Zukunftspotential beruht auf der Wiederentdeckung des Lebendigen in allen seinen Formen und auf der Überwindung des technisch-deterministischen Programms. Aus diesem zukunftsorientierten Prozess ergeben sich die neuen Aufgaben und Handlungsfelder aufbauend auf Kreativität und Beweglichkeit für eine innovative, lebendig-komplexe und ökonomisch erfolgreiche Entwicklung. Die VDW bewertet das Konzept der grünen Gentechnik daher nicht als einen Fortschritt, sondern als rückwärtsgewandt. Grüne Gentechnik ist nicht nur Quelle und Reizthema für gesellschaftliche und weltanschauliche Konflikte, sie ist vor allem nicht zeitgemäß in Bezug auf den kulturellen, sozialen und ökonomischen Übergang zu einer naturverträglichen und nachhaltigen Landnutzung und Gesellschaftsform.
Die Autoren des Memorandums verweisen weiter auf "sehr rigide Zulassungsbedingungen" für transgene Pflanzen: "Diese Bestimmungen gehen weit über jene hinaus, die für klassische Lebensmittel gelten und sind ähnlich restriktiv wie Bestimmungen, die bei der Zulassung von Arzneimitteln angewandt werden." In diesem Zusammenhang - so argumentiert die VDW - werden von der Akademieunion Produkte miteinander verglichen, die aufgrund ihrer Zuordnung und ihrer Entstehungsbedingungen nicht vergleichbar sind. Lebensmittel aus gentechnisch veränderten Organismen sind einem Zulassungsverfahren bei dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit bzw. bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) unterworfen und müssen daher grundsätzlich wie Arzneimittel, Lebensmittelzusatzstoffe und Pflanzenchemikalien behandelt werden. Lebensmittel wie Getreide, Milch und Fleischerzeugnisse gehören sui generis eben nicht dieser Klasse von Erzeugnissen an, die über Zulassungsverfahren geregelt werden müssen. Sie bilden mit den Menschen eine über Jahrtausende durch wechselseitige Anpassung entstandene Lebensgemeinschaft, in die auch kulturelle Elemente eingeflossen sind, und sichern in der Regel die gesundheitsgerechte Ernährung. GVO können dagegen nicht dem gesundheitlichen Bereich der wechselseitigen Abstimmung, der Selbstorganisation oder der durch züchterische Auswahl ermöglichten Anpassung von Beziehungsstrukturen zugeordnet werden. Es handelt sich bei ihnen um biotechnisch erzeugte, im Grunde lebensfremde Organismen, deren Existenz allein vor einem bestimmten agrartechnischen Hintergrund verständlich wird.
Die VDW fordert die Akademien der Wissenschaften in Deutschland, Europa und global auf, sich nicht zum Vollzugsgehilfen der kurzfristigen Interessen von Wirtschaftsunternehmen zu machen. Denn nach allem erkennbaren und untersuchten Befund tragen die heute verfügbaren transgenen Nutzpflanzen weder zur Gesundheit, zur Entlastung der Umwelt noch zu einer Verringerung von Unterernährung und Hunger auf der Welt bei.
In den so wichtigen Feldern der global governance gibt es bessere Wege, um mehr Gerechtigkeit, Ernährungssicherheit und Gesundung der natürlichen Lebensgrundlagen erreichen zu können. Die Akademien der Wissenschaften sollten an solchen Vorhaben begleitend und weiterdenkend mitwirken.
(Quelle: Stellungnahme der Vereinigung deutscher Wissenschaftler e.V. zum Memorandum und zur Pressemitteilung "Kampagnen gegen Grüne Gentechnik entbehren wissenschaftlicher Grundlage", veröffentlicht durch die Kommission "Grüne Gentechnik" der Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften)
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