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Zivilcouragepreis für Prof. Siegwart-Horst Günther

Professor Günther

"Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen". Mit diesen Worten der italienischen Journalistin Franca Magnani eröffnete Anne Solbach-Freise, Stifterin des Zivilcourage-Preises, die 11. Preisverleihung der Solbach-Freise-Stiftung für Zivilcourage. Die Verleihung des mit 4.000 EUR dotierten Preises an Prof. Dr. med. Dr. Siegwart-Horst Günther fand am 30.9.2006 im Rahmen der Tagung "Zivilcourage in der Risikogesellschaft" der Evangelischen Akademie Iserlohn statt. Die fatalen Wirkungen der im Golfkrieg und im Kosovo eingesetzten Munition aus abgereichertem Uran bekannt gemacht zu haben, ist das Verdienst von Prof. Günther. Wir dokumentieren Ausschnitte aus der Laudatio (Red.)


Lieber Herr Prof. Günther,
am Ende des letzten Weltkrieges waren Sie zwanzig Jahre alt und hatten mehr erlebt als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben: Nazi-Zeit, Krieg, Fronteinsatz, schwere Verwundung (dekoriert), Einweisung in verschiedene Gefängnisse ohne ersichtlichen Grund, zuletzt Befreiung aus dem KZ Buchenwald. Vorher in der Schule hatten Sie bereits Prügel bezogen wegen Ihres Andersseins. Sie entschlossen sich zum Medizinstudium. Es sollte Ihnen Erfüllung bringen. Als gefragter Arzt und Wissenschaftler lehrten Sie an Universitäten in der halben Welt. Sie waren erst 31 Jahre alt, als Sie dem Ruf nach Kairo folgten.

1991 erkannten Sie als Erster die schrecklichen Auswirkungen der Uran-Munition. Es wurde tonnenweise vom amerikanischen und englischen Militär im Golf-, Bosnien- und Kosovo-Krieg verschossen. Die radio-chemotoxische Wirkung betrifft nicht nur das Militär, sondern genauso die Zivilbevölkerung. Die Folgen sind unübersehbar überall die gleichen: Leukämie und genetische Defekte, Missbildung bei Neugeborenen und Krebs bei Erwachsenen.
Seit diesen Veröffentlichungen hat man Sie verfolgt. Durch Ihr Engagement haben Sie sich Feinde gemacht, v.a. auch bei der Nato; geht es dort doch um Entschädigung der Kriegsveteranen. Noch 1999 leugnet die Nato die Gefährlichkeit von Deplated Uranium, kurz DU genannt. Spricht man Sie auf diese für Sie bedrohlichen Situationen an (allein zwei Anschläge auf ihr Leben), sagen Sie nur: "Schreiben Sie nicht alles auf, das glaubt ja doch keiner." Und dennoch klären Sie weiter auf, weltweit werden Sie als Redner und Zeuge eingeladen. Sie schreiben, sprechen, dokumentieren, ächten dieses Kriegsverbrechen und mahnen.
Als Mann der Tat lassen Sie 1992 ein Projektil in Berlin untersuchen. Nach der Bestätigung, dass es sich tatsächlich um DU-Munition handelt, bekommen sie einen Strafbefehl wegen Freisetzung ionisierender Strahlen. Was für eine Ironie! Sie werden bestraft für etwas, das es gar nicht geben soll; und Sie werden durch den Umgang mit den toxischen Geschossen selber Opfer der Strahlung.
Aber da sind auch die hohen Ehrungen aus aller Welt für Ihre Arbeit und Ihren Mut. Stellvertretend seien hier nur die Auszeichnung durch den damaligen Generalsekretär der UNO, Boutros Boutros-Gali, und die von Ihnen besonders geschätzte Friedensmedaille der Universität Nagasaki genannt. Nur in ihrem Heimatland nimmt man ihre hohen Verdienste nicht zur Kenntnis. Da werden Sie als Querdenker und unbequemer Mahner auf gröbste Weise ins Gefängnis gesteckt und erst nach einem Hungerstreik freigelassen. Ich konnte selbst noch in den letzten Wochen feststellen, dass die lokale Presse ihres Heimatortes nicht einmal Ihren Namen kannte. Neben den Veröffentlichungen und Anklagen leisten Sie selbst aktive Hilfe für die Kranken im Irak, die, doppelt gestraft durch das frühere westliche Embargo, Medikamente, Prothesen und Nahrung bekommen. Mit Freunden gründen Sie das "Gelbe Kreuz International" zur Hilfe v.a. der betroffenen Kinder, die mit der überall herumliegenden Munition gespielt haben und kontaminiert sind.
Mich selbst hat betroffen gemacht, wie hinter der ersten Front - quer durch alle Nationen - eine zweite besteht mit Spionage, Bespitzelung, Denunziationen und Schlimmeren. Unter anderem wollte auch der Bundesnachrichtendienst Sie für seine Zwecke gewinnen.
"Zwischen den Grenzen", betiteln Sie Ihre Biographie. Tatsächlich scheinen Sie immer im Spannungsfeld gegensätzlicher Pole gelebt zu haben: da ist der Nazi-Vater als Gauleiter und die polnisch-jüdische Mutter; die Unmenschlichkeit des Krieges und Ihre humanitäre Hilfe, die Nazis und die Amerikaner, die Arabische Welt und Israel, ihre ursprüngliche Heimat in Ostdeutschland und ihre westdeutschen Erfahrungen, ihre aufklärende Arbeit und die Verschleierungstaktik, Ihr großer humanistischer Einsatz und das Bekämpft- und Verschwiegen-Werden, und nicht zuletzt die weltweiten Ehrungen und gleichzeitig die Verfolgungen und Denunzierungen. Wie hält man das alles aus?
Diese ganz starke Motivation ist wohl auch mit der "Ehrfurcht vor dem Leben" zu erklären, - dem Lebensmotto Albert Schweitzers, bei dem Sie in den 60iger Jahren eine Zeit lang gearbeitet haben. Dass Sie über all dem ein manchmal schwieriger Mensch wurden, ist wohl gut nachzuvollziehen.
Und nun geraten Sie selbst in Not: Menschen mit hoher Verantwortung für ihre Mitwelt vernachlässigen häufig ihre eigenen Belange. So müssen Sie heute um Pässe, Krankenkasse und Rente kämpfen. Selbst Ihr Haus will man Ihnen nehmen.
Glücklicher als alle Titel, Medaillen und Urkunden, sagen Sie von sich, macht Sie ein dankbarer Blick aus Kinderaugen oder ein freundlicher Händedruck eines Notleidenden.
Besonders bewundernswert empfinde ich es, dass Sie ohne Hass, sondern mit Zuversicht und Verantwortung Ihre Stimme erheben. Nach Brecht: Die Schwachen kämpfen nicht, die Stärkeren Stunden oder gar Jahre, aber die Stärksten kämpfen ihr Leben lang. "Diese sind unentbehrlich."
So ein unentbehrlicher Mensch sind Sie, Herr Prof. Günther. Wir alle, die ganze Menschheit ist Ihnen zu Dank verpflichtet für Ihren hohen, gewaltfreien Kampf, dieses Kriegsverbrechen beim Namen zu nennen und friedliche Auseinandersetzungen anzumahnen. Möge Ihre Botschaft viele Herzen und Hirne erreichen! Ich selbst freue mich dankbar, die Versäumnisse unseres gemeinsamen Vaterlandes für ihre hohen Verdienste mit einem kleinen Beitrag heute wieder gut machen zu dürfen.
Herzlichen Glückwunsch!

(Quelle: Laudatio von Anne Solbach-Freise zur 11. Preisverleihung für Zivilcourage der Solbach-Freise-Stiftung an Prof. Dr. Dr. Horst-Siegwart Günther am 30.09.06 in Iserlohn)

Kontakt:
Stiftung Zivilcourage
Anne Solbach-Freise
Siegfriedstr. 2
37619 Bodenwerder
www.stiftung-zivilcourage.de