zurück
6. Umweltmedizinische Tagung (6./7.10.2006, Berlin)

Erik Petersen und Karl-Heinz Weinisch

Umweltforum Berlin - Auferstehungskirche
Umweltforum Berlin - Auferstehungskirche

Kontakt:
Karl-Heinz Weinisch, Weinisch&Partner, Deutschordenstr. 6,97990 Weikersheim,
Fon: 07934-91210, Fax: -912120, www.oebzweinisch.de

Die 6. Umweltmedizinische Tagung fand am 6. und 7. Oktober im Berliner Umweltforum statt. Ausrichter waren in bewährter Tradition die vier umweltmedizinischen Verbände, der Deutsche Berufsverband der Umweltmediziner (dbu), die Deutsche Gesellschaft für Umwelt- und Humantoxikologie (DGUHT), der Ökologische Ärztebund (ÖÄB) sowie die Interdisziplinäre Gesellschaft für Umweltmedizin (IGUMED). In diesem Jahr beteiligte sich zusätzlich auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) aktiv an der inhaltlichen Gestaltung des Kongresses. Die lokale Organisation übernahm das Institut für Medizinische Diagnostik Berlin, dem wir hiermit für seine tatkräftige Unterstützung danken. Die 6. Umweltmedizinische Tagung führte in Berlin mehr als 150 interessierte Umweltärzte, Zahnärzte und interessierte Fachvertreter zusammen.

Plenum
Plenum

Der Wechsel des Austragungsortes von Würzburg nach Berlin war durch den Umzug der Geschäftsstelle des Deutschen Berufsverbandes der Umweltmediziner (dbu) in die Hauptstadt begründet. Mit dem Umweltforum Berlin hatten die Initiatoren im Herzen der Stadt einen idealen Austragungsort gefunden, der der Veranstaltung einen würdigen Rahmen gab.

Michael Müller, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium

Michael Müller, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium

In seinen eröffnenden Grußworten machte Staatssekretär Michael Müller vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit deutlich, dass die Umweltmedizin in ihrer Bedeutung bisher auch von gesundheitspolitischer Seite nicht ausreichend berücksichtigt und gewürdigt wird. Er betonte, dass es zukünftig darum gehen muss, Krankheiten vor deren Entstehung zu verhindern. Dazu kann eine kurative und präventive Umweltmedizin in herausragendem Maße beitragen.

Unverträglichkeit von Zahnersatzmaterialien
Das wissenschaftliche Programm an den beiden Tagen war vielfältig und auf hohem fachlichem Niveau. Am Freitag war eine Ganztagsveranstaltung dem Thema "Unverträglichkeit von Zahnersatzmaterialien" gewidmet. Schon im ersten Vortrag von Peter Ohnsorge zum Europäischen Ausstieg aus der Quecksilberanwendung wurde deutlich, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nur sehr langsam den Weg in die Köpfe unserer Politiker finden und dass dem Verbot von Quecksilber in Thermometern mehr Bedeutung beigemessen wird, als der Anwendung am Menschen in Form des Amalgams. Er machte den Hörern eindrucksvoll klar, dass der Ausstieg aus der Quecksilberanwendung vorangetrieben werden muss. Die folgenden Vorträge von Kurt E. Müller und Wilfried Bieger machten deutlich, warum nicht nur Quecksilber, sondern auch andere Metalle und Kunststoffe problematisch sein können. Sie stellten neueste Erkenntnisse über Einflüsse dentaler Materialien auf Zellmembranen und neuronale Funktionen dar. In den Vorträgen von Frank Bartram, Lutz Höhne und Claus Bückendorf wurde dann die klinische Bedeutung der biochemischen und immunologischen Schädigungen deutlich. Sie machten aber an Hand der vorgestellten Fallstudien auch klar, dass nicht jeder Patient gleichermaßen betroffen ist, sondern dass die individuelle Empfindlichkeit dafür entscheidend ist. Im Vortrag von Volker von Baehr wurde dann erläutert, wie eine zielgerichtete präventive und kurative Labordiagnostik heute erfolgen sollte. Mittlerweile gibt neben den allgemeinen Unverträglichkeitstests eine breite Palette diagnostischer Möglichkeiten, die individuell gezielt angewendet werden sollten.
Am Nachmittag kam auch der Therapiebereich nicht zu kurz. Zahntechnikerin Petra Junk brachte es auf den Punkt, dass auf Metalle in der Patientenversorgung derzeit nicht vollständig verzichtet werden kann. Sie nannte aber die Fußangeln im Dentallabor und machte deutlich, dass die standardisierte Anwendung von Verfahrenstechniken durch den Zahntechniker einen wesentlichen Einfluss auf die Korrosionsstabilität von Legierungen oder die Stabilität von Kunststoffen hat. Mögliche Lösungswege für sensible Patienten zeigte auch Zahnarzt Jochen Mellinghoff, der sich in seinem Referat kritisch mit der Anwendung des Titans auseinander setzte und die Vorteile des Zirkonoxids erläuterte.
Anschließend wurden noch die Grundzüge der zukünftigen Kooperation des Deutschen Berufsverbandes der Umweltmediziner mit der Gesellschaft für Ganzheitliche ZahnMedizin e.V. (GZM) vorgestellt (siehe dbu-Forum in diesem Heft).
Am Ende des Tages ist vielen Zahnärzten wieder bewusst geworden, dass der Weg der individuellen Betrachtung unserer Patienten der Richtige ist. Die Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse in der täglichen Praxis ist schwierig aber nicht zuletzt auch die Erwartungshaltung der Patienten hält uns diese Notwendigkeit vor Augen. Die Ankündigung von Lutz Höhne, dass der Arbeitskreis Zahnärzte des dbu derzeit eine diagnostische Leitlinie erarbeitet, war daher sicherlich für einige eine weitere wegweisende Information.

Umweltdeklaration von Produkten und die geregelte Volldeklaration
Neben der Zahnmedizin stand am ersten Tag des Kongresses eine gemeinsame Tagung der DGUHT und der ARGE kdR zum Thema "Umweltdeklaration von Produkten und die geregelte Volldeklaration" auf dem Programm. Das Berlin-Forum am 6.10.2006 darf als erste und gelungene Veranstaltung unter dem Motto "Umweltmedizin und Prävention" bezeichnet werden, bei der sich die Teilnehmer über die neuesten Entwicklungen im Bereich der Gefahrstoffe und Produktkennzeichnungspflichten informieren konnten. Gleichzeitig sollte mit der neuen Produktdatenbank (www.positivlisten.info) effektiver Verbraucherschutz in Verbindung mit dem kostenlosen Angebot an Inhaltsstoffdaten für umweltbedingt Erkrankte und Allergiker vorgestellt werden.
Der freiwillige Sicherheitsdatenblatt-Check auf der Basis einer geregelten Volldeklaration könnte sich schnell zu einem Qualitätsmerkmal für Made in EU entwickeln und damit die Rückkehr von bereits verbotenen Substanzen durch Billigimportprodukte eindämmen.
Durch die geregelte Volldeklaration und durch das von Svend Ulmer (KATALYSE-Institut) und Dr. Rüdiger Filbrich (Fa. Livos) vorgestellte R-Symbol, erkennen die weiterverarbeitenden Unternehmen in der Regel erstmalig die Gesamtheit der verwendeten Stoffe, die oftmals bei besonders gefährlichen Stoffen durch die geringen Stoffanteile vernachlässigt werden (Antioxidantien, Emulgatoren, Fungizide, Konservierer, Stabilisatoren, Weichmacher, Wirkstoffe etc.).
Aufgrund diverser Erhebungen, so Manfred Krines von der ARGE kdR, konnte festgestellt werden, dass sowohl bei Großunternehmen als auch bei Klein- und Mittelständischen Unternehmen (KMU) die aktuellen Stoffdaten und Sicherheitsdatenblätter aus der Vorlieferkette oftmals fehlen. Über 70 % falsch oder unzureichend ausgestellte Sicherheitsdatenblätter und über 50 % falsch zugeordnete Stoffdaten im Bereich der besonders gefährlichen CMR-Stoffe sind nicht hinnehmbar und erfordern eine schnelle und effiziente Lösung, so Krines.
Wenn, wie im Beitrag von Dr. Frank Bartram (dbu) zu hören war, schätzungsweise 40 % der Bevölkerung durch stoffliche Sensibilisierungen in ihrem Lebensumfeld betroffen sind, bedarf es der gemeinsamen Anstrengung zwischen NGO’s und Industrie eine angemessene Strategie zur Minimierung der Risiken zu entwickeln. Ebenso wies sein Vorredner, Prof. Hans-Jürgen Pesch (DGUHT), auf nicht weiter hinnehmbare Gesamtbelastungen aus Gefahrstoffen hin, wie beispielsweise Holzschutzmittel im häuslichen Umfeld, Industrie- und Verkehrbelastungen in der Außenluft und Arbeitsplatzstäube als mitverursachende Faktoren bei chronischen Krankheiten. Eine weitere Zunahme von Befindlichkeitsstörungen durch Chemikalien ist nicht zuletzt auch ein volkswirtschaftliches Risiko.
Einen Lösungsansatz mit einem umfassenden Produktdatenmanagement (PDM) präsentierte Uwe Bartholomäi (Fa. Moll), in dem die geregelte Volldeklaration ein zentrales Anliegen ist, um Produkte als "sichere Produkte" betrieblich zu erfassen und zu deklarieren.
Prof. Dr. Wolfgang Linden von der FH Kiel konnte überzeugend die Gesamtzusammenhänge von stofflichen Informationen in digitalen Ketten darstellen und die Auswirkungen von Produkten mit gefährlichen Inhaltsstoffen an praktischen Untersuchungen aufzeigen.
Holger König von der ARGE kdR wies in seinem Beitrag auf die umfassenden Maßnahmen und Strategien innerhalb der europäischen Normungsarbeit hin. Er stellte seine Mitwirkung im CEN-Normungsausschuss für das Mandat 350 vor und erörterte die Möglichkeiten einer Mitgestaltung der Umwelt- und Verbraucherschutzverbände mit einer gemeinsamen Positionierung.
Die Referentinnen des Umweltbundeamtes (Outi Ilvonnen, Juliane Koch, Dr. Steffi Richter) erläuterten die gegenwärtigen Entwicklungen im Bereich der Bauproduktenrichtlinie (BPR) - Bereich Hygiene, Gesundheit und Umweltschutz, die Überführung der Gefahrstoffkennzeichnung in das Global-Harmonosierten-System (GHS) und die Chemikalienneuordnung (REACH).

Plenum Dr. Steffi Richter, Umweltbundesamt
Plenum Dr. Steffi Richter, Umweltbundesamt

Dr. Steffi Richter, Umweltbundesamt
Da auch mit REACH keine Sanktionen für falsche oder unzureichende Inhaltsstoffdaten vorgesehen sind, wird sich am Status Quo wenig ändern, denn wo kein Kläger, da kein Richter. Im gültigen nationalen Chemikaliengesetz (ChemG) ist der Großteil der REACH-Forderungen bereits aufgeführt und rechtskräftig. Erkennbar wurde, dass die eklatanten Mängel bezüglich der Kennzeichnungen aufgrund unzureichender Kontrollmaßnahmen auch weiterhin mit den behördlichen Instrumentarien nicht zu lösen sind.
Die Erfassung von Chemikalien mit CAS- und EINECS-Nummern wie in der Stoffdatenbank der ARGE kdR, verbessert nachhaltig den Informationsfluss vom Produzenten zum Verbraucher und ist ein wichtiger Schritt in Richtung Gesundheitsvorsorge, so der einhellige Tenor der Referenten.

Chronische Entzündungen: eine Volkskrankheit
Der 2. Kongresstag, der mit interessanten Vorträgen zum Thema „Chronische Entzündung“ begann, schloss sich inhaltlich nahtlos an die Referate des Vortages an. Nachdem Volker von Baehr die immunologischen Grundlagen der Entzündung erläutert hatte, folgten in den Referaten von Wolfgang Huber, Frank Bartram, Hans-Jürgen Pesch und John Ionescu eine Demonstration der Bedeutung systemischer Inflammationsprozesse für zahlreiche Erkrankungen. Nicht nur bei CFS, MCS und Fibromyalgien spielen entzündliche Prozesse eine tragende Rolle, sondern auch bei klassischen „Volkserkrankungen“ wie Atherosklerose, Diabetes mellitus, chronisch entzündliche Darmerkrankungen und Tumorerkrankungen. Alle Referenten machten deutlich, dass Schadstoffe wie zum Beispiel Insektizide, Holzschutzmittel oder auch Metalle und komplexe chemische Verbindungen Auslöser bzw. Triggerfaktoren chronischer Entzündungserkrankungen sein können. Eckart Schnakenberg zeigte anschließend auch an Hand eigener Studien, dass genetische Varianten die Entwicklung und die Progredienz derartiger Erkrankungen positiv und negativ beeinflussen können.

Umwelt, Technik und Gesundheit: Risiken und Chancen
Am Nachmittag hieß das Thema "Umwelt, Technik und Gesundheit: Risiken und Chancen". Genau dieses betonten die Referenten Harald Krug und Karl-Heinz Weinisch in Ihren Vorträgen zur Nanotechnologie und zu Baustoffen - früher und heute. Neue Materialien und Verfahrenstechniken stellen zweifelsohne häufig einen praktischen Vorteil für die Industrie und für den Anwender dar, es muss aber immer die Risikobewertung für den Menschen und insbesondere den Patienten mit erhöhter Empfindlichkeit berücksichtigt und kritisch diskutiert werden.
Der Beitrag von Tobias Raupach zur Feinstaubbelastung - Schwerpunkt Passivrauchen hätte nach den kürzlich von Union und SPD veröffentlichten Eckpunkten für einen gemeinsamen Gesetzentwurf zum Nichtraucherschutz nicht aktueller sein können. Die große Mehrzahl der Teilnehmer teilte seine Auffassung, dass ein wirksamer Nichtraucherschutz das uneingeschränkte Rauchverbot in allen öffentlichen Gebäuden bedurft hätte.
Das Finale der Veranstaltung gestaltete der BUND mit interessanten Referaten von Christopher Garthe und Silvia Schütte. Garthe rückte ein weiteres Mal die schädigenden Stoffe im Gesundheitssystem in den Mittelpunkt. Die grundlegenden Ausführungen zu Exposition, Gefährdung und Risikomanagement wurden an Hand des Weichmachers DEHP exemplarisch verdeutlicht. Silvia Schütte gab im letzten Referat des Tages denen Hoffnung, die durch Feinstaub, Mobilfunkanlagen oder über den Grenzwerten liegende Schadstoffbelastungen geschädigt wurden. In der Diskussion wurden allen aber auch die Grenzen der juristischen Handlungsmöglichkeiten bewusst, die häufig durch die Fragwürdigkeit der festgelegten Grenzwerte bedingt sind.

Schlusswort
In seinem Schlusswort sprach Volker von Baehr vielen Teilnehmern aus dem Herzen in dem er sagte, dass die 6. Umweltmedizinische Tagung ein weiterer Schritt im Rahmen der Lobbyarbeit für eine anerkannte kurative Umweltmedizin war. Veranstaltungen dieser Art sind nicht nur hilfreich für die Fortbildung von Angehörigen aller medizinischen Fachrichtungen, sondern tragen auch dazu bei, die Umweltmedizin als ein wichtiges medizinisches Fachgebiet auch gegen den Widerstand einschlägiger Interessengruppen in unserem Land zu positionieren. Nach der Tagung ist vor der Tagung. Alle Beteiligten waren sich einig: wir freuen uns schon heute auf die 7. Umweltmedizinische Tagung im kommenden Jahr am gleichen Ort!

Umweltforum Berlin - Auferstehungskirche
Umweltforum Berlin - Auferstehungskirche

Fotonachweis: Petersen, Weinisch