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Neue Medien unter kommunikationsökologischen Gesichtspunkten
Wolfgang Baur

Ein paradigmatisch wichtiger Bereich, die "Neuen Medien" unter kommunikationsökologischem Zugang werden Umwelt und Gesundheitsverhalten in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erheblich beeinflussen.
Mediale Vermittlung von ungesundem Verhalten, welches - kurzfristig gedacht - der Ökonomie dient, langfristig neben dem ökologischen Schaden auch ökonomisch nicht mehr tragbar ist, sollte umgestaltet werden in positive Vermittlung von gesundem Verhalten. Dafür braucht es eine neue, regierungsunterstützte Lobby. Zudem ist der Ausbau der Medienumwelt ein offenkundiges umweltmedizinisches Problemfeld "sui generis"

Tatsachen
Krankheitsursachen sind heutzutage (Rangfolge je nach Land sehr unterschiedlich) hauptsächlich:
1. Ungesunde Ernährung:
Zum einen zu kalorienreich, fettreich, zum anderen aus industrieller Produktion mit Risikopotential (Schadstoffe, Wachstumsunterstützer) - und damit Ursache für Herz-Kreislauf Tod.
Diese Ernährung wird medial beworben. Ökologischer Landbau hat kaum eine Lobby. Die mediale Vermittlung dient nur der Ökonomie - nicht der Ökologie.
2. Alkohol:
Der Risikofaktor Alkohol wird kollektiv verdrängt, als Krankheitsverursacher nicht Ernst genommen. Er ist Volksdroge. Und damit Ursache für Herz-Kreislauf Todesfälle.
Alkohol wird medial beworben, auch durch Sportsponsoring.
3. Rauchen:
Aktiv und passiv ist Rauchen Krebsursache und Ursache von chronischer Bronchitis.
Tabakwerbung ist medial stark vertreten.
4. Straßenverkehr:
Todesfälle durch Verkehr verändern die Lebenserwartung statistisch drastisch, weil viele junge Menschen umkommen.
Das Auto wird medial stark beworben, es wird zu risikoreichem Fahren animiert.(PS höher, Reifen breiter, Geschwindigkeiten höher). Eine Öko-Lobby gibt es kaum.
5. Luftverschmutzung:
Nach neueren Untersuchungen aus den USA sind 40% aller Todesfälle durch Luftverunreinigung bedingt (PIMENTEL 1998).
Die Industriestaaten haben sich international noch immer nicht auf eine entscheidende Senkung der Luftverschmutzung geeinigt.
6. Trinkwasser:
Todesfälle durch mangelnde Wasserhygiene sind weltweit an erster Stelle, in Europa fehlen genaue Studien. In der WHO Studie "Environment and Health in Europe (WHO 1996) wird Wassergüte an 2. Stelle der Todesursachen genannt.
7. Selbsttötungen:
Wenn das Selbst sozial, psychisch und/oder materiell gemordet wird, dann begehen Menschen Selbstmord.
Medial wird ein erfolgreicher, moderner Mensch mit Haus, Auto, Zigarette und Alkohol, Flugferien und hohem Verdienst durch Arbeit dargestellt. Die Wirklichkeit ist aber anders. Daran zerbrechen Seelen.

Mediale Umweltverschmutzung
Die Bedeutung der medialen Umweltverschmutzung (Medien mit Werbung und neue Medien) wird noch zu wenig beachtet. Sie stiftet zu Fehlverhalten an - entzieht sich dann aber der gesellschaftlichen Verantwortung - ja schließlich wird das "individuelle Fehlverhalten", welches medial induziert worden ist, noch als schuldhaft angeprangert.
Will man Gesundheit und Umwelt wirklich beeinflussen, muß man die Produktion der krankmachenden Faktoren benennen und auch die Werbung dafür.
Eigentlich müssten Produktion und Werbung so aussehen:
- Ernährung ohne Schadstoffe, ohne Fette, mit Vitaminen, weniger Zucker.
- Alkohol weniger ist mehr im Sinne von Genuß.
- Tabak: Aktiver und passiver Konsum müßten minimiert werden und vor allem auch die Werbung dafür.
- Verkehr sollte mehr auf Notwendigkeit - weniger auf Lust und Risiko - beeinflusst werden.
- Wasser, Boden, Luft sollten rein und ungiftig gehalten werden. Wenn Produktion diese belastet, sollte das als externe Kosten als Belastung für die Produktion in Rechnung gestellt werden,
- Der soziale Raum sollte wieder echte Bezüge schaffen, die das Leben lebenswert machen (ist auch der 6. Kondratieff).
Solange das Fehlverhalten medial verstärkt wird, wird die Wirklichkeit durch das Mehr in allen Bereichen wie Essen, Trinken, Rauchen, Verkehr, Wasser-Boden-Luft- Belastung nur krankmachender. Reine Deskriptionen, reine informelle Vernetzungen, reine kleine Medienkampagnen gegen die große Normalität der Vermarktung mit der medialen Millionenverstärkung verändern gar nichts.
Es sind eher Verdrängungen und Agieren in einem Metafeld, welches die Produktion nicht berührt.

Die neuen Medien sind eine Spielwiese, eine virtuelle Welt.
Auf internationalen Kongressen wird Zeit mehr und mehr von Programmen, Gruppen, Untersuchungen im Verbund, Vernetzung usw. berichtet. Überall (wie auch hier) sitzen kompetente Menschen zusammen und diskutieren Programme, Pläne, Ziele, schreiben Papiere.
Aber die beklagte Wirklichkeit bleibt gleich. sie wird nur medial vernetzt und damit nur virtuell bearbeitet.
Allerdings wird von Befürwortern der neuen Technologien betont, dass diese Neue Welt auch eine Chance zur fundamentalen Veränderung bietet.
Jede Veränderung der Wirklichkeit setzt eine gedankliche (virtuelle) Phase voraus, die durch die neuen Medien in nie gekannter Geschwindigkeit weltweit möglich ist.
Es wäre Aufgabe einer aktiven Kommunikationsökologie für diesen positiven Nutzungsaspekt eine Lobby zu finden.

Zusammenfassung
Der Aspekt Neue Medien und Kommunikationsökologie fehlt bei der Betrachtung zu Gesundheit und Umwelt bisher völlig.
Die Auswirkungen der neuen Kommunikationstechnologien auf die soziale Kompetenz sind unklar und werden wissenschaftlich kontrovers diskutiert.
Die Frage, ob kommunikative internationale Vernetzung zum Wohle der Welt dienen kann oder die soziale Ungleichheit nur auf ein neues und ausgrenzendes Niveau hebt, also Weltklassen neu schafft, bleibt noch offen.
Die Fakten werden in der Produktion und ihrer medialen Vermarktung geschaffen. Die Mahner und Warner vor der durch Produktion und Medien und neue Medien gestalteten Umwelt laufen mit ihren geringen Gegenmitteln bisher immer hinterher.

Nachweise:
ÄRZTEKAMMER NIEDERSACHSEN (1998): Diskussionsforum Umwelt und Gesundheit des AK Umwelt und Gesundheit, Augsburg am 20.11.98
BASTIAN, Till (1998): Aktionsplan Umwelt und Gesundheit in Europa, Diskussionsbeitrag erstellt im Auftrag der IGUMED
BMG & BMU (1997): Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit, Umwelt Nr.7-8/1997
GLOGAUER, W. (1998): Gesundheitliche Schäden durch Mediennutzung, Arzt und Umwelt 11: 329-243
PIMENTEL, D. (1998) Ecology of Increasing Disease, Bioscience Vol. 48, No. 10: 817-825
WHO Regional Publications Environment and Health 1 Series No. 68 EEA Monograph No. 2 (1996) WHO Library

Interviev mit W. Baur

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