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Enkeltaugliche Zukunft?
Stephan Böse-O´Reilly

Dr. med. Stephan Böse-O´Reilly
Kinderarzt - Umweltmedizin - M.Ph.postgrad.
Lindenschmitstr. 35
81 371 München
Tel: 089/74 79 04 40
Fax: 089/74 79 04 41
stephan.boeseoreilly@t-online.de
www.boese-o-reilly.de
Liebe Kinder, sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Frau Minister Schmidt,
Ich möchte Sie herzlich hier in München begrüßen. Insbesondere freue ich mich auch, dass Sie als Minister soviel Zeit für unser Anliegen haben, dass Sie nach München gekommen sind.
Als Vertreter einer Nichtregierungsorganisation, nämlich des Netzwerkes Kindergesundheit und Umwelt, betrachte ich es als ein gutes Zeichen, dass ich zwischen dem Oberbürgermeister und der Ministerin sprechen darf. Damit nimmt die Politik die Bürgerbeteiligung ernst. Das Forum Kinder-Umwelt und Gesundheit, dass wir gerade eröffnen, wird veranstaltet von den Bundesministerien für Gesundheit und Umwelt, der Landeshauptstadt München, unter Beteiligung von zahlreichen Nichtregierungsorganisationen. Das Netzwerk Kindergesundheit und Umwelt ist eine breite Koalition von Kinder- und Jugendorganisationen, Umweltverbänden, Eltern-Kind-Initiativen und umweltmedizinischen Gesellschaften.

Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit
Im Juni 1999 wurde von den Europäischen Ministern für Umwelt und Gesundheit gemeinsam ein neues Aktionsprogramm beschlossen, unter dem Motto "Action in partnership". In Deutschland wurde unter sanftem Druck der engagierten Nichtregierungsorganisationen das Thema Kinder-Umwelt und Gesundheit zu einem inhaltlichen Schwerpunkt des allgemeineren Aktionsprogramms Umwelt und Gesundheit. Das nun beginnende Forum ist ein erster Ausdruck, dass es zu einer "action in partnership" mit dem Schwerpunkt Kinder-Umwelt und Gesundheit gekommen ist. Für die bisherige Kooperation mit den Vertretern der Ministerien und Behörden, sowie mit allen anderen Beteiligten möchte ich mich zunächst einmal herzlich bedanken. Für mich als "Nicht"-Regierungsvertreter ist es erfreulich, dass auch auf der "offiziellen" Seite viele sehr engagiert an der Thematik Kinder-Umwelt und Gesundheit arbeiten.
Mein dringender Wunsch sei deshalb schon hier formuliert: dass diese Zusammenarbeit über dieses Forum hinaus bestehen bleibt, vertieft und ausgebaut wird. Die zuständigen Minister fordere ich auf, mehr Kräfte und mehr Geld von den Ministerien in Kinder-Umwelt und Gesundheit zu leiten und darauf hinzuwirken, dass diese Arbeit eine Querschnittsaufgabe der gesamten Regierung wird. Wieso dies nötig ist, möchte ich nun kurz andeuten.

Neue Zeiten - neue Krankheiten
Das Krankheitsspektrum von Kindern in Deutschland hat sich in den letzten drei Jahrzehnten auffallend verändert. So tragen Veränderungen des Lebensstils und der Umwelt zur eindeutig gesicherten Zunahme von Übergewicht, Essverhaltensstörungen, Asthma, Allergien und Diabetes mellitus bei. Lärm, Bewegungsmangel, Unfälle, Verletzungen, Passivrauchbelastung gefährden zusätzlich die Gesundheit der Kinder. Veränderte Ernährungsgewohnheiten, Genussgifte, zunehmende chemische Belastungen im Wohn- und Schul- bzw. Arbeitsbereich kommen hinzu.
Allergische Krankheiten im Kindesalter nehmen epidemieartige Ausmaße an. Jedes 5. Kleinkind hat die Erfahrung juckender, entzündeter Hautausschläge (Neurodermitis) gemacht. Jede 10 Familie kennt Kinder mit nächtlicher Atemnot (Asthma), und jedes 10. Schulkind genießt nicht mehr den Frühsommer, sondern leidet daran (Heuschnupfen). Diese chronischen Krankheiten im Kindes- und Jugendalter verdoppeln sich alle 10-20 Jahre in der Häufigkeit in den westlichen Industriestaaten.
In Deutschland sind Unfälle die Haupttodesursache bei Kindern (1-15 Jahre). Ca. 220.000 Kinder verunglücken pro Jahr so schwer, dass sie stationär versorgt werden müssen, ca. 1.000 Kinder sterben, weitere 1.000 Kinder bleiben lebenslang behindert. Wenn es in Deutschland gelänge, das Präventionsniveau Schwedens zu erreichen, könnten in den nächsten Jahren 30 % weniger Kinder unfallbedingt sterben.

Neue Zeiten - neue (Lebens)-Umwelt
Kinder sind keine kleinen Erwachsene. Kinder nehmen im Vergleich zu Erwachsensen relativ oft mehr Schadstoffe auf und können diese schlechter entgiften.
Ozonkonzentrationen sind im Sommer oft so hoch, dass empfindliche Kinder vermehrt Asthmaanfälle erleiden. Die Partikelbelastung durch Dieselruß aus dem Verkehr führt nachweisbar zu Atemwegsproblemen. Feinststäube können die natürlichen Barrieren der Lungenabwehr leicht überwinden, transportieren dabei jedoch schädigende Schadstoffe für die Schleimhäute und den gesamten Organismus.
Die Passivrauchbelastung der Kinder in fast 50 % aller Familien ist nicht nur Grund für gehäufte Ohrenentzündungen, sondern ist auch beteiligt als Asthmaauslöser. Der plötzliche Kindstod ist wesentlich häufiger bei Kindern von Frauen, die in der Schwangerschaft rauchen.
Eine bio-psycho-sozial ausgerichtete Betrachtungsweise zeigt, dass die veränderte Lebensumwelt der Kinder, v.a. in den Städten, zu Verhaltensauffälligkeiten beiträgt. Sehr plastisch ist dies von Blinkert beschrieben worden als "zerstörte Stadt - zerstörte Kindheit". Die Zerstörung der Freiräume durch die Verdichtung der Städte, die immense Zunahme des Verkehrs führt zu einem Verlust an Aktionsräumen für Kinder. Gab es bis 1960 in Freiburg pro Hektar Stadtfläche noch mehr Kinder als Autos, so gibt es in den Neunziger Jahren schon 4 mal so viele Autos wie Kinder pro Hektar.

Kinderagenda für Gesundheit und Umwelt 2001
Angesichts der Fülle und Größe der Gefahren für die Kindergesundheit haben sich im Netzwerk Kindergesundheit und Umwelt engagierte Eltern, Betroffene, Kinderärzte etc. zusammengeschlossen und eine gemeinsame Kinderagenda für Gesundheit und Umwelt 2001 beschlossen. Die Agenda finden Sie in Ihren Tagungsunterlagen oder auch im Internet www.kinder-agenda.de.
Die Grundlage der Kinderagenda sind die ökologischen Kinderrechte. Diese verstehen wir als das Recht der Kinder auf Frieden, eine intakte Umwelt, gesundes Leben und eine positive Zukunftsperspektive weltweit.
Das Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit der Bundesministerien für Gesundheit und Umwelt enkeltauglich machen.
Wir Nichtregierungsorganisationen fordern ein konsequent-präventives und damit enkeltaugliches Handeln für jede Kinder- und Jugendgeneration. Adressaten sind Entscheidungsträger in allen gesellschaftlichen Bereichen wie Politik, Wirtschaft, Medien, Wissenschaft, Umwelt und Gesundheit. Mit dem Begriff "Enkeltauglichkeit” wollen wir "Nachhaltigkeit" plastisch und begreifbar werden lassen.
Wir sind uns dabei sehr wohl bewusst, dass in einer durch Konsum, Geschwindigkeit und das Recht des Stärkeren geprägten Kultur Kinder ökologisch, rechtlich, politisch und sozial tendenziell gefährdet und ausgegrenzt werden. Dies gilt insbesondere für Kinder in weniger entwickelten Ländern, deren Gesundheit durch viele Schadstoffe in Wasser, Erde und Luft sowie Armut und die oft erzwungene Kinderarbeit wesentlich bedrohter ist.

Forderungen
Von der Wissenschaft fordern wir, eine neue Sichtweise der gesundheitlichen Risikoabschätzung zu entwickeln, bei der die Gesundheit und die Entwicklung des Kindes im Mittelpunkt stehen. Umwelteinwirkungen auf Hormon-, Neuro-, Psycho- und Immunsystem des Kindes müssen untersucht und bewertet werden.
Von der Politik fordern wir das Prinzip der Enkeltauglichkeit als politische Priorität auf allen politischen Ebenen. Notwendig ist eine deutliche Verstärkung der Forschungsförderung im Bereich Kinderumwelt und Gesundheit.
Konkrete Forderungen sind u.a.:
· die Verabschiedung eines Nichtraucherschutzgesetzes,
· Schadstoffreduktion in der Außenluft bei Ozon, Stickoxiden, Benzol, Partikeln und Dieselruß. Deshalb muss dringend der industriell verfügbare Dieselfilter gesetzlich verpflichtend eingebaut werden,
· die Förderung einer kindgemäßen Stadtplanung und Wohnumfeldes,
· die Einführung einer allgemeinverständlichen Deklarationspflicht für Lebens- und Körperpflegemittel,
· vorbeugender Gesundheitsschutz
Wenn es Ihnen als Politiker wirklich um die Sache geht, darf Kindergesundheit und Umwelt nicht der Tagespolitik weichen. Das Thema muss über das Gesundheits- und Umweltministerium hinaus eine gemeinsame Querschnittsaufgabe der Bundesregierung (Ministerien für Familie, Wirtschaft, Verkehr, Finanzen, Forschung, Bildung, Ernährung) werden.
Dieses Forum ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wir brauchen aber wesentlich mehr: eine kontinuierliche Öffentlichkeitskampagne zu "Kinderumwelt und Gesundheit" - mit dem Ziel einer "Prävention ab Nabelschnur".
Für eine enkeltauglich Zukunft müssen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und NGO´s gemeinsam sorgen! Sie müssen dabei die jetzige Kinder- und Jugendgeneration ernst nehmen und einbeziehen!
Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit.

(Redetext von Stephan Böse-O´Reilly während der Eröffnung des Forums Kinder-Umwelt und Gesundheit in München am 23.11.2001)

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