|
Kommentar zur "Multizentrischen MCS-Studie"
des Robert Koch-Instituts Im Auftrag des Umweltministerium hat das Umweltbundesamt die sog. "Multizentrische MCS-Studie" finanziert, die vom Robert Koch-Institut koordiniert und mittlerweile im Internet veröffentlicht wurde (1). In sechs Zentren (fünf Umweltambulanzen und Fachkrankenhaus Nordfriesland) waren 234 Studienteilnehmer zur Teilnahme bewegt worden (in unterschiedlicher Anzahl in den einzelnen Zentren und mit einem nicht der MCS-Prävalenz entsprechenden Anteil von 71 % Frauen). Die Studienteilnehmer hatten sich eingangs als MCS- oder Nicht-MCS-Kranke (sMCS bzw. Nicht-sMCS) eingestuft und danach eine vorwiegend psychometrische Diagnostik durchgeführt. Danach entschieden die Ärzte der einzelnen Zentren, ob diese Diagnose MCS oder Nicht-MCS zu Recht bestand oder nicht (aMCS bzw. Nicht-aMCS). Die folgende Tabelle zeigt, dass die Ergebnisse solchen Vorgehens hinsichtlich der Diagnosen-Fallzahlen sehr kritisch zu werten sind. Nach identischer Diagnostik wurden im Umweltkrankenhaus Bredstedt (Nordfriesland) MCS-Fälle häufiger als eingangs festgestellt. In Berlin und Giessen dagegen hatte keine von Pat. berichtete MCS vor den Ärzten Bestand.
Ungeachtet dieser Merkwürdigkeit unterschiedlicher Diagnostik-Folgerungen sind die erhobenen psychometrischen Befunde bedeutsam und sollten in künftigen Studien zur Ätiologie des MCS berücksichtigt werden. Die wichtigsten in der Kernstichprobe (N=234) der mMCS-Studie eingesetzten psychometrischen Instrumente waren: - Umweltmedizinischer Fragebogen, - Fragebogen zur Umweltbesorgnis, - Beschwerdeliste, - Symptom Checklist 90, - Lebensqualitätsfragebogen SF36, - Indikatoren des REHA-Status, - Lebenszufriedenheits-Inventar, - Freiburger Persönlichkeitsinventar, - Fragebogen zur Körperaufmerksamkeit, zur Selbstwirksamkeit, Optimismus, Pessimismus - Fragebogen zur sozialen Unterstützung. Eine solide Datengrundlage lieferte der eingesetzte MCS-Fragebogen (2), der von 91 Personen mit sMCS und 230 Personen ohne sMCS beantwortet wurde. Bei sMCS wurde die "Hitliste der Beschwerdeauslöser" von der Stoffgruppe der Farben & Lacke angeführt (64 mal starke bis sehr starke Beschwerden). Gleich danach rangierten Lösemittel & Kleber (63 x). Es folgten Tabakrauch (58 x) und Autoabgase (52 x). In einer eigenen fortgeführten Praxisstudie (3) mit standardisierter Befragung von 870 Personen nach Beschwerdeauslösern (Symptom Related Chemicals, CAS-Fragebogen) zeigte sich bei 419 MCS-Kranken eine ähnliche Reihenfolge der Auslöserhäufigkeit. MCS-Pat. der mMCS-Studie des RKI 1. lagen im Bereich "Somatisierung gleichauf mit Arthritis-Patienten und i.v.-Drogenabhängigen" (in der SCL-R90; http://www.umweltbundesamt.org/fpdf-l/2232.pdf, S. 170), 2. hatten im Mittel eine "schlechtere körperliche Funktionsfähigkeit als Patienten mit Herzschwäche und Herzinsuffizienz" (im SF-36; S. 162), hatten "hochsignifikant höhere Beschwerdescores als Patienten mit koronaren Herzerkrankungen, funktionellen Herzbeschwerden, verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen, Schizophrenien und Neurosen" (in der Beschwerdenliste; S. 191). 4. hatten "geschlossen eine geringe Tendenz zur depressiven Verarbeitung ihrer Krankheit" (im Freiburger Fragebogen zur Krankheitsverarbeitung; S. 202), 5. lagen in Unterskalen zur Lebenszufriedenheit, der Erregbarkeit und der Beanspruchung "im unauffälligen Normbereich" (Freiburger Persönlichkeitsinventar; S. 221), 6. lagen mit "im Mittel mit 2,4 geringfügig unter dem theoretischen Mittelpunkt der Skala zur Erfassung von Umweltbesorgnis" (S. 212). Im Illness Perception Questionaire (IPQ), einem Instrument zur Erfassung der kognitiven Repräsentation von Krankheit, wurde von sMCS-Patienten die Krankheit eher "als lang andauernd beurteilt" (S. 205). MCS habe "erhebliche Folgen für das Leben" und sei "ein ernsthaftes Leiden" "mit finanziellen Folgen". Die Heilungsaussichten beurteilte die "sMCS-Gruppe pessimistischer als die Nicht-sMCS-Gruppe" (S. 205). Es ist von daher auch nicht verwunderlich, dass die sMCS-Gruppe sich "stärker als Außenseiter" empfindet (S. 216). 205 aus der Gesamtheit der Umweltpatienten wurden mit dem Fragebogen zur Selbstwirksamkeit-Optimismus-Pessimismus (SWOP) untersucht. Die Mehrheit war generell "besonders überzeugt ...davon, auch mit überraschenden Ereignissen gut zurecht zu kommen" (S. 224). Allerdings war der Glaube an die Selbstwirksamkeit bei den sMCS-Patienten etwas geringer als der bei der anderen Gruppe. Die bei 211 Personen mittels einer PC-Version des CIDI durchgeführte psychiatrische Diagnostik ergab bei 164 Patienten eine Diagnose der ICD-Gruppe F. "Hinsichtlich der Diagnose von Angststörungen und Phobien (F40, F41) sowie Depressiver Störungen (F32, F33, F34.1) unterschieden sich die beiden Gruppen nicht" (S. 234). Der logische Fehler vieler "MCS-Experten" könnte darin liegen, dass nicht bedacht wurde, dass "an sich schon" ein großer Teil der Patienten wegen psychischer Störungen, vor allem wegen Somatisierungsstörungen zum Arzt geht. MCS-Kranke sind natürlich auch ein Teil dieses Teils. Weil offenbar nur dieser Teil imponierte, wurde die Körperlichkeit der Syndrome nicht wahrgenommen. Die bisher vorherrschende Annahme einer psychologischen oder psychiatrischen Ursache des MCS wurde von der mMCS-Studie nicht nur nicht bestätigt, sondern ihr wurde mit Befunden deutlich widersprochen. Aus den Ergebnissen der mMCS-Studie kann gefolgert werden. - Der körperliche Leidensdruck bei MCS wurde bisher unterschätzt. - Die Ursache des MCS ist nicht in der Psyche der Erkrankten zu suchen. - MCS-Fehlklassifikationen sollten nicht mehr vorkommen. - Medizinische Nichtbehandlung-Falschbehandlung bei MCS ist als "Kunstfehler" zu bewerten. - Versicherungsrechtliche Strafwürdigkeiten bei Nicht- oder Fehlbehandlung des MCS müssen verfolgt werden. Altes Unrecht muss revidiert werden. Nachweise (1) EIS, D., BECKEL, T., BIRKNER, N. et al. (2002): Untersuchungen zur Aufklärung der Ursachen des MCS-Syndroms (Multiple Chemikalienüberempfindlichkeit) bzw. der IEI (Idiopathische umweltbezogene Unverträglichkeit unter besonderer Berücksichtigung des Beitrages von Umweltchemikalien". Abschlussbericht in 2 Bänden zu einem FuE-Vorhaben im Auftrag des UBA (FKZ 298 62 274). November 2002. http://www.umweltbundesamt.org/fpdf-l/2232.pdf (2) HÜPPE M, OHNSORGE P, KRAUSS B, SCHMUCKER P (2000): Der MCS-Fragebogen: Erste Befunde eines neuen Verfahrens zur Beschreibung MCS-auslösender Stoffe und Symptome. Umweltmed Forsch Prax 5(3): 143-153. (3) FABIG KR (2000): Das Multiple Chemikalien-Sensitivität-Syndrom (MCS). Können Fragebögen, IgE und SPECT zur Diagnostik beitragen? Hamburger Ärzteblatt 12: 600-603. Kontakt: Karl-Rainer Fabig Immenhoeven 19 22417 Hamburg Fax: 040/530472-72 E-Mail: praxis.fabig@t-online.de zurück zum Seitenanfang |
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||