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Technik bewältigen heißt, sie gestalten
Leitlinien für eine kommunikationsökologische und soziale Bewältigung von Medientechniken Barbara Mettler-v.Meibom
Prof. Dr. Barbara Mettler-v.Meibom
Universität-GH-Essen
Universitätsstr. 12
45117 Essen
fon: +49 (0)201-183.3475/3616
fax: +49 (0)201-183.3816
mailto:mettler-meibom@uni-essen.de

Von der Technologiefolgenabschätzung zur Reparaturphase
Medien sind allgegenwärtig: Auf der Straße, am Arbeitsplatz, bei trauter Zweisamkeit, vor dem Schlafengehen, beim Aufwachen, am lauschigen See, in der S-Bahn. Kein Ort mehr, an dem uns nicht die elektronischen Kommunikations- und Informationshelfer zur Seite zu stehen scheinen. Als Handy, Anrufbeantworter, PC und Laptop, Radio und Fernseher, ein-medial oder multi-medial, einseitig kommunizierend oder zweiseitig kommunizierend - ein Entrinnen scheint nicht mehr möglich. Statt dessen geht es darum, wie wir uns die neuen Werkzeuge aneignen.
Doch aneignen ist ein schöpferischer Vorgang. Es ist der Prozess, in dem die politischen und wirtschaftlichen Entscheider, aber nicht nur sie, sondern wir alle, durch unser Tun darüber bestimmen,
* wo und wie welche Medien, zu welchen Zwecken und Zielen eingesetzt werden,
* welchen Platz sie in unserem Leben einnehmen,
* wie wir mit der Beschleunigung des Lebens umgehen,
* was wir mit den wachsenden Warenbergen tun, die mittels (medien)technischer Globalisierung produziert werden;
* wie die Halden von Elektronikschrott vermieden werden können, die die sog. Informationsgesellschaft in wachsenden Mengen produziert.
Solche Fragen bewegen die Gemüter nicht erst seit heute. Sie standen im Mittelpunkt heiß geführter Debatten, die vom Ende der 70er bis zum Anfang der 90er Jahre geführt wurden. Noch im Vorfeld der medientechnischen Revolution wurde im Sinne einer Technologiefolgenabschätzung die Frage nach dem "cui bono?", wem nützt es, aufgeworfen und Vorschläge für eine soziale und ökologische Gestaltung der Medientechniken entwickelt.
Solches Wissen ist im Vorfeld technischer Neuerungen hoch begehrt, kann es doch helfen, Investititionsrisiken zu vermeiden. Anders sieht es in der take-off-Phase aus, in der das industrielle System den neuen Techniken zum Durchbruch verhilft, eine Phase, die spätestens Anfang der 90er einsetzte. Bedenken finden in dieser Phase kein Gehör mehr. So wurde es still um die warnenden Stimmen, selbst wenn das Ende der 80er Jahre gegründete "Institut für Informations- und Kommunikationsökologie" immer noch existiert.
Heute sind wir längst in die - salopp formuliert - "Reparaturphase" eingetreten. Die Wirkungen der massierten und massiven Medientechnikanwendungen auf Körper, Seele und Geist sind oder wären mit einiger öffentlicher Anstrengung auch als solche diagnostizierbar. Das gilt für alle Arten von Wirkungen:
* des geistigen Schrotts, mit dem die neuen Medienwelten unsere Kinder und nicht nur diese belasten,
* der Elektronikmüllberge, die niemand entsorgt,
* der elektromagnetischen Wellen, die herumvagabundieren,
* des ständigen Mediengebrauchs für unsere sensomotorischen Fähigkeiten und Fähigkeiten zur Stressbewältigung,
* des hohen Medienkonsums im frühen Alter auf Wahrnehmungs- und sprachliche Ausdrucksfähigkeiten,
* der sensorischen Vereinseitigung und gleichzeitigen Überflutung auf unsere Fähigkeiten zu Fühlen und befriedigende emotionale Beziehungen aufzubauen.
Dass die Medienaneignung bislang alles andere als gelungen ist, ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist jedoch, dass ihre nunmehr unbestreitbare Omnipräsenz der Medientechniken immer noch weite Gestaltungsspielräume zulässt, sofern wir diese nutzen. Für das "Wie?" sind die folgenden Überlegungen als Anregungen gedacht. Sie entstammen in weiten Stücken den kommunikationsökologischen Debatten der Vergangenheit, die im Lichte der Gegenwart ihre uneingeschränkte Aktualität erleben.

Den Menschen als Medium von Erfahrung und Kommunikation würdigen und fördern:
1. Der Mensch ist von seiner Leiblichkeit her mit unvergleichlichen Fähigkeiten der Wahrnehmung ausgestattet, neben den logisch-kognitiven vor allem mit intuitiven und sensomotorischen Wahrnehmungsfähigkeiten. Er ist., wie alles Leben, Sender und Empfänger von Wellen. Wo die menschlichen Wahrnehmungsfähigkeiten beschädigt werden oder verkümmern, verkümmert der Mensch. Wo sie geschützt und gefördert werden, entfaltet sich der Mensch.
Das verlangt a) eine besondere Förderung der sensomotorischen, intuitiven und kognitiven Fähigkeiten, die aufgrund des Leib-Seele-Geist-Zusammenhangs wesentlich über das Selbst- und Fremdbild, die Selbst- und Fremdwahrnehmung entscheiden. b) einen besonderen Schutz vor eventuellen Beeinträchtigungen durch Elektrosmog.
2. Die kulturellen Schöpfungen des Menschen geben Zeugnis der schier endlosen Fülle seiner Ausdrucksmöglichkeiten auf allen Ebenen: körperlich, seelisch, geistig. Sie stellen ein Kreativitätspotential dar, das sich u.a. auch in technischen Artefakten ausdrückt. Da Technik die Tendenz hat, "Leben" zu uniformieren und zu standardisieren, gilt es, letztlich das kreative Potenzial von Menschen statt von Maschinen zu fördern und ihm immer wieder Ausdrucksmöglichkeiten zu verschaffen.
Das verlangt eine gezielte Förderung der haptischen und sensomotorischen Fähigkeiten insbesondere im Kinder- und Jugendalter und eine Ausgestaltung der Arbeitswelt, so dass sensomotorische und haptische Fähigkeiten - entgegen dem medientechnischen Trend - gefordert werden. Dies ist Vorrausetzung, um die entsprechenden Fähigkeiten zu erhalten bzw. fortzuentwickeln.
3. Der Mensch ist das wichtigste Medium der Kommunikation.
Technische Kommunikationsmittel können die menschlichen Kommunikationsfähigkeiten unterstützen insbesondere hinsichtlich der Überwindung von Raum und Zeit. Die Fähigkeit von Menschen zur interpersonalen und intrapersonalen Kommunikation entwickelt sich jedoch - wie alle anderen Fähigkeiten auch - erst durch günstige Voraussetzungen und Übung.
Das verlangt
a) einen besonderen Schutz und eine besondere Förderung der Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeit von Menschen auf körperlicher, seelischer und geistiger Ebene;
b) eine besondere Wertschätzung und den Schutz der interpersonalen Kommunikation im gemeinsamen - d.h. nicht technisch vermittelten -Wahrnehmungsraum; und
c) den Schutz von Räumen der technisch ungestörten Kommunikation mit sich selbst, um in den Prozess der Selbstvergewisserung eintreten zu können.

Räume der Wahrnehmung, des Ausdrucks und der Kommunikation bewahren und schaffen
Konkret übersetzt in Gestaltungsmaßnahmen der Informations- und Kommunikationstechnik kann dies z.B. heißen:
* Forschungs- und Entwicklungsprogramme zur Reparatur sozialer und ökonomischer Folgen der informations- und kommunikationstechnischen Entwicklung, hinter denen ein politischer Gestaltungswille steht.
* Einführung einer Bit-Steuer zur Finanzierung von Maßnahmen von Datenschutz und Datensicherheit, der sozialen und kulturellen Kommunikation im Nahraum und der Förderung von musischen, haptischen und sensomotorischen Fähigkeiten .
* Förderprogramme zur Entwicklung von musischen, haptischen und sensomotorischen Fähigkeiten im Kindes- und Jugendalter als Regelangebote im vorschulischen und schulischen Bereich.
* Gezielte Maßnahmen der Suchtprävention und der Suchtbekämpfung gegen den suchtartigen Gebrauch von Medien.
* Das Recht auf Nicht-Erreichbarkeit. Es tritt an die Stelle der Forderung, immer und überall medientechnisch erreichbar zu sein.
* Die Schaffung von medienfreien Zonen in öffentlichen Räumen (Analogie: Nichtraucher-Zonen).
* Gezielte Bekämpfung des Elektrosmogs im öffentlichen und privaten Raum mit Hilfe von Forschung & Entwicklung und (bau)technischen Förderprogrammen.
* Ausrichtung ergonomischer Konzepte in der Arbeitswelt auf die Förderung von haptischen, sensomotorischen und sozialen Fähigkeiten.
* Arbeitsplatzkonzepte, die eine sinnvolle Balance zwischen technisch unterstützter Kommunikation und unmittelbarer Kommunikation und Interaktion erlauben.

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