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Forum Kinder-Umwelt und Gesundheit
(23./24.11.01, München)
Hanns Moshammer

Hanns Moshammer
Ärztinnen und Ärzte für eine gesunde Umwelt
Große Mohrengasse 39/6
A -1020 Wien
aegu@nextra.at

KLIPP & KLAR
Die Kinder haben uns beschämt. Und das ist gut so. Keine Frage, dass sie bei den Podiumsdiskussionen sehr deutlich die pädagogischen Allüren der Erwachsenen zurückgewiesen haben, wenn diese sich in die Enge getrieben sahen; selbstverständlich auch wiesen sie den "Schwarzen Peter" der Verantwortung für die Umweltmisere zurück: "eigentlich sind wir dazu da, um das von Euch zu hören" (auf die hilflose Frage einer Moderatorin, was sie - die Kinder - nun zu tun gedächten, um ihre Umwelt wieder menschengerecht zu machen). Auch journalistisch waren uns die Kinder klipp und klar überlegen: Während die "großen" Zeitungen - zwar zumeist recht positiv - bestenfalls über kleine Einzelaspekte des Forums berichteten, als hätten sie das Anliegen: Synthese und Zusammenschau - nicht begriffen, schrieben die kleinen Redakteure flugs eine Forums-Zeitschrift "KLIPP & KLAR", in der alles so frech, unverblümt und ehrlich nebeneinander seinen Platz fand, wie es sich auch wirklich zugetragen hatte. Wenn ich sonst nichts vom Forum hätte mitnehmen dürfen nach Hause: Diese Zeitung hätte ich gewählt um meinen Freunden den Geist des Forums bringen zu können. Die Kinder sagen uns, wo’s lang geht. Und das ist gut so.

Ganz ökologisch
Im Tagungsbeitrag inbegriffen - wie es sich gehört - war die Pausenverpflegung (sehr bio, sehr gut!) und auch die obligate Tagungsmappe (mit Stadtplan und Öffis-Plan von München samt der wiederkehrenden Beschwörung, aufs Auto zu verzichten: München im Schneetreiben war ohnedies manch beschaulichen Spaziergang nach langen Konferenzstunden wert!). In der Tagungsmappe auch der ebenso obligate Kugelschreiber. Und wie es sich für eine Umwelttagung gehört, war auch der ganz auf Öko-Look gestylt: Ein Schaft aus Pappe, ein Klipp aus Holz. Die Seele und die Mechanik zwar immer noch aus Plastik, die Tinte dafür eingetrocknet. Liebe Organisatoren, habt Ihr "Öko" da nicht schwer missverstanden? Auch Ökologie bedarf der Effizienz. Noch so wenige Ressourcen zu verbrauchen ist wenig effizient, wenn das Outcome gleich Null ist: Wenn keine Tinte fließt, hilft die ökologischste Hülle nichts!

Knoflacher - ein Österreicher begeistert
Unser Wiener Enfant Terrible unter den Stadtplanern, Prof. Hermann Knoflacher, sprach den Zuhörern in München aus dem Herzen und eroberte sie im Sturme. Für ihn spricht, dass er nicht nur im Plenum am Vormittag die Erwachsenen überzeugen konnte, sondern dass ihm am Nachmittag das gleiche Kunststück bei den Kindern gelang. Highlights seines Vortrages (für die Erwachsenen) waren die "Gehzeuge" oder die "bespielbaren Städte", die zu Spielinseln und Käfigen verkommen sind. "Wir planen die Unsinnigkeiten, die wir kennen" beschrieb er den Teufelskreis der fortschreitenden Entmenschlichung. "Wir stecken unheimlich viel Geld in die Errichtung von Problemen" war eine weitere Kernaussage neben den drei Dogmen, die er in den Bereich der grundlosen Mystik verwies: (1) "Es gibt ein Mobilitätswachstum": Stattdessen wird nicht die Mobilität, sondern nur die Entfernung vermehrt. (2) "Geschwindigkeit ist Zeitersparnis". Tatsächlich lässt sich zeigen, dass ein Tag immer noch 24 Stunden hat, dass also nicht die Zeit, sondern nur die Eile zunimmt. (3) "Die Wahl der Verkehrsmittel ist frei". Dabei determinieren Urinstinkte ein Verhalten, das den individuellen Energieverbrauch minimiert und damit zu einem ungesunden und sozial unverträglichen Lebensstil führt.

Professor Knoflacher mit "Kids"

Enkeltauglichkeit
Ein neues Schlagwort soll den sperrigen Begriff der Nachhaltigkeit ersetzen. Ob "enkeltauglich" wirklich cool genug ist? Verständlicher und weniger abgelutscht als "Nachhaltigkeit" oder gar "Sustainability" ist dieses Wort allemal. Beim Wort "Sustain" denke ich langsam eher daran, was ich alles noch aushalten muss. Nur: Bei den "Enkeln" denke ich mehr an die Pensionsvorsorge und den Generationenvertrag, vielleicht auch an "Blut und Volk" und an den Satz des Mephisto: "Weh dir, dass du ein Enkel bist!" Ein bisschen fern sind mir meine Enkel auch noch - "kindertauglich" wäre oft schon ein hinreichend schwieriges Ziel.

Asthma und Umwelt
Ein gutes Beispiel, wie gelungen das Münchner Forum war, aber auch für seine Grenzen, bot die Vortragsreihe "Asthma und Umwelt" am Samstag Mittag. Führende Wissenschafter ihres Fachs erläuterten den Stand des Wissens und ihre eigenen Forschungen auf dem Gebiet der Allergie und insbesondere des kindlichen Asthmas. Ganz besonders war natürlich die vielzitierte, oft missverstandene und daher auch gern kritisierte "Hygiene-Hypothese" Gegenstand der Vorträge. Sowohl wurden dem medizinischen Fachmann neue Informationen geboten als auch waren diese derart verständlich und ungewohnt spannend für den "Laien" dargeboten, dass selbst der zitierte Fachmann (wo gibt es den schon in der sub-sub-sub-spezialisierten Medizin?) davon profitierte. Ein ganz spezieller Dank an die Veranstalter und an die Vortragenden (Dennis Nowak, Heidrun Behrendt, Erika v. Mutius, Michael Schwenk und Udo Herz)!
Und der Wermuts-Tropfen? In der Schluss-Diskussion der Vortragsreihe fiel die berechtigte Frage, was denn nun die Konsequenzen seien, die zu diesem Thema aus dem Forum für die Politik und die Praxis mitgenommen werden dürfe? Da waren die guten Wissenschafter erst einmal ganz still. Selbst die Kinder bei ihren Foren hatten da rascher eine treffende Antwort parat gehabt! Nur zögernd kam dann die bezeichnende erste Antwort: Man wolle weiter Gelder erhalten um weiter zu forschen. Die aufgezeigten Studienprotokolle könnten ja auch im bundesweiten Umwelt-Survey angewendet werden. In 10 Jahren werde man vielleicht mit neuen Therapiemöglichkeiten rechnen können (Allergie-Impfung). Und dann die klare Aussage: Ein Wissenschafter könne nicht forschen (und hierzu Mittel von der öffentlichen Hand bekommen) und gleichzeitig die Politik (seinen Geldgeber) beraten. Grob formuliert: Die liebe Politik solle die Kontinuität der Forschung garantieren, man werde sie dafür mit Ratschlägen verschonen. Frau v. Mutius erbarmte sich dann doch und empfahl wenigstens ("Das kann man jetzt schon ganz sicher sagen!"): Die Politik solle klarer und überzeugend gegen das Rauchen und insbesondere das Passiv-Rauchen (vor allem der Kinder) auftreten.

Vorträge, Diskussionen, Workshops und Spiele
Der Freitag Vormittag bot eine Vielfalt von Zugängen zum gemeinsamen Thema. Internationale Strategien und Tendenzen aus Sicht der WHO (Ondine v. Ehrenstein aus Rom und Eva Rehfuess aus Genf) wurden ebenso dargestellt wie Stadt- und Verkehrsplanung (Hermann Knoflacher), Ernährungswissenschaft (Angelika Meier-Ploeger) oder Sozialmedizin (Wolfgang Settertobulte). Hohe Wissenschaft im verständlichen Gespräch mit den Bürgern - und Politik und Verwaltung hören zu, reden mit, ermöglichen das Gespräch. Dies allein ließ mich Österreicher (wo immer noch vergleichsweise Josephinische Traditionen vorherrschen) neidisch werden. Noch besser gefiel es mir beim Info- und Mitmachmarkt, wo Kinder spielten, diskutierten und arbeiteten (filmen, interviewen, dokumentieren, beschließen), wo NGOs, Behörden und wissenschaftliche Instituten nebeneinander und/oder gemeinsam ihre Arbeit vorstellten oder über ihnen wichtige Belange informierten. Spielerisch war Umwelt und Gesundheit erfahrbar, wenn das Umweltbundesamt an Freiwilligen die akuten Effekte von Lärm demonstrierte (Fingerpuls und EEG), das Bundesamt für Strahlenschutz Sonnenbrillen auf ihren UV-Schutz untersuchte oder das UV-Messnetz online darstellte, die Nichtraucher-Vereinigung ihre Plakate und Broschüren anbot oder viele viele Vereine und Gruppen ihre Positionen in Postern, Zeitungen, Aktionen, Workshops und Spielen verständlich machten. Am Rande war noch Raum (wenn auch viel zu wenig Zeit) für "konspirative" Treffen, die hoffentlich zur noch engeren Vernetzung der verschiedenen Bewegungen führen werden.
Von vielen einzelnen Veranstaltungen kann ich nicht berichten, weil hier weder der Platz ist noch weil ich selber alle besuchen konnte. Die Waldorf-Schule bot einen hervorragenden Rahmen (wobei die Schüler selbst in die herzliche Betreuung der Tagungsteilnehmer eingebunden waren) und die Veranstalter (vier Bundesbehörden und das Netzwerk Kindergesundheit und Umwelt, eine Koalition der Nichtregierungsorganisationen) bewiesen, dass die Zusammenarbeit zwar schwer, aber dennoch möglich ist. Hoffentlich war das Forum nicht eine einzelne Sternschnuppe, sondern ein Anfang! Das Forum Kinder-Umwelt und Gesundheit verdiente es, zu einer (?Münchner) Institution zu werden.

Gesundheit und Umwelt und die Politik
Fast schon zu lange, dafür aber überraschend detailreich, witzig und informiert war die Begrüßungsansprache des Münchner Oberbürgermeisters Ude. Nachdem er sich selbst als kleinen Umwelt- und Gesundheitssünder geoutet hatte (zu wenig Bewegung, zu viel Auto) ("jetzt ist aber Schluss mit der Ehrlichkeit, jetzt beginnt der offizielle Teil!") gab er einen sehr umfassenden Überblick über die verschiedenen Problemfelder im Kreuzungspunkt Kinder - Umwelt - Gesundheit wie auch über die Möglichkeiten und Grenzen kommunaler Politik. Auch die Frau Bundesgesundheitsministerin Schmidt konnte vermitteln, dass Sie wisse, um was es gehe. Die Umwelt (Wetter) verhinderte leider, dass der Bundesumweltminister an der Umwelttagung teilnahm. Stattdessen ließ er sein Konterfei beim Eingang plakatieren mit dem sehr informativen Satz: "Vorrangiges Ziel des gesundheitlichen Umweltschutzes ist und bleibt die Förderung gesundheitserhaltender Umweltbedingungen." Aha! Vorrangiges Ziel eines Fluges von Berlin nach München ist das Erreichen von München mittels Flugzeug. Wer hätte das geahnt?
Nicht wirklich viel mit dem Querschnittsthema anzufangen wusste auch Frau Stadträtin Eva Caim. Sie gab den Empfang am Freitag Abend und wenn man nach einem langen Kongress-Tag müde und hungrig ist, ist man für kurze Ansprachen dankbarer als für treffende. Wir wollen daher nicht allzu kritisch sein! Als schönes Beispiel für die Dringlichkeit des Themas Kind und Umwelt fürs Gesundheitsressort nannte sie den Fall eines Kindes einer drogensüchtigen Münchnerin, das soeben im Alter von 3 Jahren an Drogen gestorben ist. Wir wollen gerne einmal anerkennen, dass Drogen auch zur Münchner Umwelt gehören.
Bundesgesundheitsministerin Schmidt
Bundesgesundheitsministerin Schmidt

Kinderlose Gesellschaft
Eine schwere Kost war der Vortrag schon von Prof. Dunkelberg am Samstag Nachmittag. Mehrere Tage habe ich daran gekaut, ehe ich mich an diese Zusammenfassung wage: "Kinderlose Gesellschaft" - was würde mich da erwarten in einer ganzen Stunde? Xenoöstrogene und abnehmende Spermienqualität oder aber die überlastete Tragekapazität des Raumschiffs Erde? "Keines von beiden!" überraschte mich der Göttinger Umwelthygieniker mit einem philosophischen Zugang zum Thema.
Sicher sind auch die oben genannten Aspekte wichtig. Aber darüber hinaus lohnt es sich, nach den seelischen Hintergründen der zunehmenden "Kindesverweigerung" in unserem Kulturkreis zu grübeln. Es geht also nicht um ungewollt kinderlose Paare, sondern um das viel wirkmächtigere Phänomen der gewollten Kinderlosigkeit, die sich nicht auf eine einzelne lineare Kausalkette reduzieren lasse.
Was Dunkelberg an dieser scheuklappenartigen monokausalen Sichtweise kritisiert erläuterte er an einem fast schon abgedroschenen Beispiel: den verrückten Kühen (BSE). Jetzt plötzlich sorgt man sich über den Fehler, der bei der Verfütterung von Fleisch an von Natur reine Pflanzenfresser passiert ist. Doch sollten alsbald - die Technik wird’s ermöglichen - die toxikologischen und infektiologischen Probleme der Tiermehlverfütterung gelöst sein, wird nichts uns hindern, die Rindviecher wieder als reine Fleischproduktionsmaschinen zu missbrauchen: Gentechnisch optimierte Pflanzen und Tiere, "Nutz"-Lebewesen als Maschinen ohne eigene Würde und Subjekt - diese Einstellung macht letztlich auch vor dem Menschen selbst nicht halt, der nur noch unter dem Effizienzgesichtspunkt gesehen wird: Klonen, Eugenik und Leistungsoptimierung neben der Leugnung von Leid, Versagen, Krankheit und Tod. Doch geht mit diesem Verlust an Achtung vor dem Subjekt auch eine Reduktion des Kohärenzgefühls einher: Die Verstehbarkeit, Bedeutsamkeit und Handhabbarkeit des eigenen Seins ist reduziert. Dieser Trend zeichnet sich gerade bei Umweltpatienten deutlich ab, wie er in einer Studie am eigenen Klientel zeigen konnte. Wer will da noch Kinder in die Welt setzen?
So bot der Vortrag einen Einblick in die tieferen philosophischen Grundlagen einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft, die jenseits der Diskussion um Risiken und Rückstände, Effekte und Toxine bedacht werden sollten.

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