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Umweltgift Nikotin

Rauchen macht nicht nur krank, es ist selbst eine (Sucht-)Krankheit. Dem Vermeiden von Krankheit ist gegenüber der Behandlung der Vorzug zu geben. Daher sollte das Hauptaugenmerk auf die Jugend gerichtet werden. Das Rauchen im öffentlichen Raum ist aus dieser Sicht ein schlechtes Vorbild und ganz sicher der Prävention abträglich. Ganz unabhängig davon, dass durch das Rauchen auch die Nichtraucher in Mitleidenschaft gezogen werden, müsste allein aus Gründen der Prävention das Rauchen in der Öffentlichkeit drastisch eingeschränkt werden.

Leider sind wir weit von diesem Ziel entfernt. Es fehlt an gesellschaftli-chem Bewusstsein und politischem Willen. So müssen wir wohl noch län-ger mit der Nikotinsucht und ihren Folgen leben. Da es in erster Linie um den Schutz der Nichtrauchenden vor den Folgen der Nikotinsucht anderer geht, ist es nicht unwichtig, die Effizienz von Maßnahmen zu überprüfen, die das Rauchen an bestimmten Orten einschränken oder auch die Barrierefunktion von räumlicher Trennung zu kontrollieren. Mit diesem Problem beschäftigt sich eine von der Europäischen Union geförderte Pilotstudie, welche die Passiv-Rauchbelastung im öffentlichen Raum in mehreren Staaten erhebt. Das Institut für Umwelthygiene der Universität Wien ist Teilnehmer an der Studie. Hanns Moshammer berichtet von ersten Ergebnissen.

Messtechnische Spielchen
Wie misst man "Passivrauchbelastung"? Erst seit kurzem hat sich die Messung von Kotinin im Harn als brauchbarer Biomonitoring-Marker zur Bestimmung der persönlichen Belastung etabliert. Diese personenbezogene Untersuchung ist allerdings relativ aufwendig und erlaubt nur Rückschlüsse auf die kurz zu-rückliegende Exposition. Manchmal ist es notwendig, die Belastung - über verschiedene Zeiträume gemittelt - an speziellen Orten zu bestimmen. Die eu-ropäische Studie diente somit auch dem Zweck, eine neue Messmethode (auch unter verschiedenen jahreszeitlichen und klimatischen Bedingungen) zu eva-luieren. Das Prinzip der Messung beruht auf der Adsorption von Nikotin auf einem speziell präparierten Filter. Dabei ist sowohl eine passive Probenahme allein durch Diffusion als auch eine aktive Probenahme möglich, wobei eine definierte Luftmenge mittels Pumpe durch den Filter gesaugt wird. Bereits der Transport der Filter erwies sich als höchst empfindlicher Arbeitsschritt: Ein Filter, der nie zum Einsatz kam, aber einige Wochen in einem verschlossenen Plastikbecher transportiert wurde, enthielt 0,32 µg Nikotin. Echte Blindproben blieben jedoch negativ und doppelte Proben sowie parallel bestimmte mit aktiver und passiver Probenahme lieferten gut vergleichbare Daten.

Akute Gefahr
Beprobt wurden Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Gaststätten und Ver-kehrsmittel. Wer führt die "Hitliste" an? Erschreckend hoch waren die Werte in Jugendtreffs, Bars und Diskotheken: Ein Mittelwert (über alle Proben) von 160 µg/m_ und ein einsamer Spitzenwert von beinahe 500 µg/m_ war selbst für die abgebrühten Wissenschafter unerwartet. "Wir wissen aus eigenen Studien, dass Kinder in Raucherhaushalten eine schlechtere Lungenfunktion haben und häufi-ger an Bronchitis und ähnlichen Leiden erkranken. Nun: In einem typischen Raucherhaushalt rechnen wir mit Nikotinwerten von einigen µg/m_. Ein Ju-gendlicher, der selbst nicht raucht, eventuell sogar ein hyperreagibles Bron-chialsystem hat und nur einmal pro Monat für einen Abend eine Disko besucht, nimmt somit eine vergleichbare Schadstoffmenge auf wie in der nachweislich schädlichen Atmosphäre eines Raucherhaushaltes!" erläutert Prof. Neuberger.
Weiters ist bekannt, dass Kohlenstoffmonoxid und Hypoxie die schädigende Wirkung von Lärm auf das Innenohr verstärken. "Lärm" als Risikofaktor nehmen die Disko-Besucher zumindest theoretisch bewusst in Kauf, auch wenn sie besser über die Gefahren informiert werden sollten. Aber die Vergiftung erfolgt sicherlich nicht freiwillig. Von der praktisch täglichen Belastung des Personals in Diskos ganz zu schweigen: Eventuell ist diese nicht nur gesundheitlich be-denklich, sondern sogar aus Sicht des ArbeitnehmerInnenschutzes rechtswidrig?

Früh übt sich
Viel geringer ist erwartungsgemäß die Belastung in Schulen: Im Durchschnitt um 5 µg/m_ mit der Spitze in einem "inoffiziellen" Raucherraum mit 13 µg/m_. In Klassenräumen und Gängen waren die Werte alle deutlich unter dem Durch-schnitt, höhere Werte fanden sich in Lehrerzimmern. Zwar setzt sich vermehrt die sog. "rauchfreie Schule" durch, dies bedeutet allerdings leider oftmals, dass zwar den Schülern das Rauchen verboten ist, die Lehrer aber weiter mit schlechtem Beispiel vorangehen. Rauchen wird so bei den Kids zur Mutprobe und zum Initiationsritus.

Kranke Häuser
Auch in den beliebten Verwahrungs- und Versorgungsanstalten von Krankheit und Leid darf der Teufel nicht fehlen. Eigene Raucherräume dienen dem Göt-zendienst, von denen die Nikotinschwaden durch die Korridore ziehen (noch fast 20 µg/m_ in ca. 20 m Entfernung von der Raucherzone). Der hastige Zug in der Teeküche ist auch noch auf der benachbarten Intensivstation (allerdings mit "nur" 4 µg/m_) nachzuweisen.

Öffentlicher Verkehr
Der Öffentliche Verkehr wie Flughäfen, Bundesbahn- und U-Bahn-Garnituren sowie Bahnsteige erweisen sich als eher erträglich belastet. Nur die berüchtigten Bahnhofgaststätten drücken ein wenig das positive Bild. Dabei sind sie (Werte um 20 µg/m_) im Vergleich zu anderen Kneipen immerhin noch erträglich.

Mahlzeit!
Eine wichtige Frage lautete: "Nützt die Trennung in Raucher- und Nichtrau-cherzonen in Restaurants?" Daraus resultierte die nächste Frage für den Unter-sucher: "Gibt es so etwas überhaupt in Österreich?" Ja, es gibt sie, die Cafes und Restaurants mit den armseligen Tischchen in dem einen Winkel mit der Aufschrift "Bitte hier nicht rauchen!" - oder es sind ganz einfach die Tische, auf denen - wie aus purem Zufall - die Aschenbecher fehlen. Dabei wäre es oft leicht, Raucher und Nichtraucher zu trennen, da jedes gestandene österreichische Wirtshaus getrennte Schank- und Speiseräume hat.
Zwar unterschieden sich in den Lokalen, die sich mutig eine (allerdings nur sehr symbolische) Trennung verordneten, diese beiden Zonen nicht hinsichtlich der Nikotinbelastung. Diese Lokale waren jedoch insgesamt mit ca. 20 bis 25 µg/m_ deutlich weniger belastet als jene Häuser, in denen Nichtraucher keinerlei Be-achtung bekamen. Über 60 µg/m_ im Mittel war die Folge dieser Ignoranz.
Was ist zu tun?
- Die schockierenden Werte in den Diskos rufen dringend nach Maßnahmen.
- In Gaststätten sollte eine echte räumliche und lüftungstechnische Trennung von Rauchern und Nichtrauchern angestrebt werden.
- Dass Schulen und Krankenhäuser immer noch nicht rauchfrei sind, ist einfach eine Schande. Wer das noch immer nicht einsieht, sollte sich wenigstens für ein vernünftiges Lüftungsregime einsetzen, dass der Rauch aus den Raucherecken nicht bloß wieder gleichmäßig im ganzen Haus verteilt wird.
- Selbstverständlich sollten die Erfolge der genannten Maßnahmen über-prüft und weitere Messkampagnen durchgeführt werden.

Die Auswertung der beschriebenen Mess-Kampagne ist noch nicht ganz abge-schlossen. Interessant wird auch der Vergleich im Jahresverlauf und zwischen den einzelnen europäischen Staaten. Allerdings haben die Messteams in den verschiedenen Staaten zum Teil unterschiedliche Strategien der Probenahme verfolgt, so dass dieser Vergleich eher schwer sein wird.

(Quelle: oekobiotikum 4/2002)

Kontakt:
Dr. Hanns Moshammer
University of Vienna
Institute for Environmental Health
Kinderspitalgasse 15
1095 Vienna, Austria
Tel.: +43/1/4277-64711
Fax: +43/1/4277-64799
Hanns.moshammer@univie.ac.at


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