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Quecksilbervergiftung durch Erdgasfördrung in der Altmark

Wienhold Weber aus Salzwedel ist 40 Jahre alt und leidet unter einer schweren Quecksilbervergiftung. Er ist eines der vielen Opfer einer skrupellosen Umweltpolitik. Ohne Rücksicht auf Mensch und Natur wird in der Gegend um Salzwedel stark schwermetallhaltiges Erdgas gefördert. Es ist das größte im Land gelegene Erdgasfeld Europas. Seit Jahren kämpft W. Weber gegen die Vertuschung und Einschüchterung durch den Konzern und durch die offiziellen Stellen. Er ist inzwischen auch Sprechereiner Initiative von Betroffenen.

Seit wann hatten Sie mit Erdgasförderung zu tun?
W. Weber: Anfang der 60er Jahre wurde erstmals Erdgas in der Altmark gefunden. 1968 wurde es erstmals gefördert, später waren es 12 Großstationen. Das Erdgas wurde nicht nur in die Umgebung geliefert, sondern auch nach Magdeburg, an die Ostsee oder an die »Schwarze Pumpe«. Ich selbst habe als Mess- und Regeltechniker von 1978 bis 1994 dort gelernt und gearbeitet.

Warum muss man von einem Umweltskandal sprechen?
W. Weber: Dieses Erdgas enthält Riesenmengen an giftigen Schwermetallen, vor allem Quecksilber, aber auch Blei, Zink, Zinn und Lithium. Daneben noch Edelgase und radioaktive Substanzen. Es wurde nichts zum Schutz der Arbeiter unternommen - wie z.B. Filter mit Aktivkohle oder ein geschlossener Trocknungskreislauf. Das wurde aus Kostengründen verworfen.
Bei einer Förderung von bis zu 13 Milliarden m3 pro Jahr fielen zirka 13 bis 28 Tonnen reines Quecksilber aus. Und ein noch größerer Teil wurde über die Trocknungsanlagen freigesetzt.
Dabei wurde der Grenzwert von 28 Mikrogramm pro m3 um ein Vielfaches überschritten.
Ebenso die MAK-Werte (Grenzwerte der Arbeitsplatzkonzentration). Diese dürfen kurzfristig nur bei 100 Mikrogramm liegen. Wir aber hatten 3000 bis 4000 Mikrogramm und mehr. Das führte zwangsläufig zu schweren Vergiftungen. Man spürte sogar den Metallgeschmack auf der Zunge. Man wurde regelrecht verheizt.
Aber es betrifft ja nicht nur die Arbeiter, sondern die ganze Region. Das Quecksilber kondensierte sich manchmal früher bei Kälte auf den Dächern, die Erdkrume zeigte teilweise einen silbrigen Belag. Zeitweise wurde die Ernte deswegen vernichtet.

Wie viele Menschen sind betroffen?
W. Weber: In Ostzeiten haben bis zu 1200 Leute dort gearbeitet, davon 400 direkt im Förderfeld. Davon sind 61 inzwischen verstorben, viele sind schwer erkrankt wie ich. Sie haben die typischen Vergiftungszeichen wie Lähmungen, Gefühlsstörungen, Haar- und Zahnausfall, Darmbeschwerden, Nervenentzündung, Störung der Konzentration und des Kurzzeitgedächtnisses, Depressionen usw.
Aber auch in der ganzen Altmark sind die Menschen betroffen durch Quecksilber aus den Kaminen, aber auch die giftigen Verbindungen, die beim Verbrennen des Erdgases entstehen.
Viele Missbildungen, Fehlgeburten, Atemerkrankungen bei Kindern vorzeitige Alterung, Krebskrankheiten. 200.000 leben im Förderareal, 20.000 allein in Salzwedel.

Wie haben denn die Honecker-Behörden reagiert?
W. Weber: Es wurde doch alles vertuscht und jede Information unterdrückt. Es gab eine eigene Stasi-Abteilung auf dem Gelände.
Werksarzt und Werkszahnarzt, die wussten, was läuft. Wir wurden als Hypochonder abgestempelt. Heute sind sie niedergelassene Ärzte - und schweigen dennoch und weigern sich, Krankenunterlagen und Befunde herauszugeben. Auch in der Presse darf darüber nicht berichtet werden. Es ist wie eine Mafia.
Erstmals habe ich mich 1990 an die Berufsgenossenschaft gewandt. Passiert ist nichts – obwohl ich selbst schwer krank bin und inzwischen auch eine Bescheinigung habe von dem bekannten Toxikologen Prof. Wassermann aus Kiel über meine Quecksilbervergiftung. »Auch kleinen Kindern fallen die Zähne aus«, war der zynische Kommentar von Dr. Krolik aus Dresden.

Was hat sich mit der Wende geändert?
W. Weber: Nichts hat sich geändert, alles wird noch mehr verschleiert. Viele Kollegen haben sich an die Berufsgenossenschaft gewandt, kein einziger Fall wurde bisher als Berufskrankheit anerkannt.
Der frühere VEB-Betrieb gehört heute der EEG/Berlin. Hauptgesellschafter ist die »Gaz de France«. Die Förderung läuft noch, ist aber drastisch zurückgegangen, weil die Vorkommen teilweise erschöpft sind.

Wie ist Ihre persönliche Situation?
W. Weber: Ich wurde 1992 mit anderen zusammen ausgegliedert aus dem Betrieb, 1994 dann gekündigt, angeblich »mangels Auftragslage«. Jetzt lebe ich von der Arbeitslosenhilfe und habe kaum noch Mittel.
Auf eigene Rechnung habe ich mir Fachliteratur besorgt und die Quecksilber- und Bleiuntersuchung durchführen lassen - wobei erhöhte Werte festgestellt wurden. Mit anderen Betroffenen habe ich 1998 eine Initiative ins Leben gerufen. Aber viele scheuen sich noch, weil ihnen krankheitsbedingt der Antrieb fehlt oder aus Angst um den Arbeitsplatz. Wir bekamen auch verschiedentlich Drohungen, die Sache nicht weiter publik machen.

Wie geht es weiter?

W. Weber: Wir wollen dafür sorgen, dass die Leute wach werden. Wir fordern, dass die zahlreichen Vergiftungen endlich als Berufskrankheiten anerkannt und entschädigt werden und die Betroffenen eine kostenlose und gründliche medizinische Behandlung erhalten. Im Kreiskrankenhaus müsste dringend eine toxikologische Fachabteilung eingerichtet werden. Auch Bodenproben müssten endlich durchgeführt werden in der Altmark.
Natürlich brauchen wir auch Kontakt zu Ärzten, die sich auskennen mit der Therapie von Quecksilbervergiftungen. Man wird sehen, was nach dem Wahlkampf in Sachsen-Anhalt ist. Bisher haben sie ja alle gekniffen, die Ärzte, die Parteien und auch Greenpeace...

(Das Gespräch führte Dr. Willi Mast am 13.4.2002)

Kontakt:
Dr. med. Günther Bittel
Facharzt für Anästhesiologie und Allgemeinmedizin
Siegfriedstrasse 9
47226 Duisburg
Tel. 02065 31184
Fax 02065 31182
E-Mail: Bittel@t-online.de

Aus Daunderer: Handbuch der Umweltgifte

Eine der wichtigsten Quellen der Quecksilberbelastung der Luft ist die Verbrennung fossiler Brennstoffe. Steinkohle hat mit 0,5 mg/kg den höchsten Quecksilbergehalt. Auch der hohe Verbrauch von Erdöl, Erdgas und Braunkohle trägt wesentlich zur Quecksilberbelastung der Luft bei.

Da das Quecksilber, besonders in seinen organischen Verbindungen, eine sehr lange Verweildauer im Körper hat, wird es praktisch nicht abgebaut, sondern reichert sich in der Nahrungskette an. Der mit Quecksilber belastete Fisch wird entweder direkt vom Menschen verzehrt, oder führt indirekt, durch Verwendung als Futtermittel (Fischmehl) für Hühner und Schweine auch zu einer Quecksilberbelastung des Menschen. Aber nicht nur tierische Lebensmittel sind mit Quecksilber belastet, in pflanzliche Nahrungsmittel wird Quecksilber über die Aufnahme durch Luft und Boden eingetragen.
Quecksilber und alle Quecksilberverbindungen sind giftig. Die Toxizität hängt ab von der Art der Aufnahme (Magen-Darm-Trakt oder Atmung). An der Spitze der Toxizitätsstufen steht das Methylquecksilber, gefolgt von Quecksilberdampf und Quecksilbersalzen.

Quecksilber reichert sich insbesondere in den Nieren, Methylquecksilber aufgrund seiner guten Fettlöslichkeit im Fettgewebe, in der Leber und im Gehirn an. Die Aufnahme ins Gehirn geschieht zwar langsamer als ins übrige Gewebe, jedoch ist hier die biologische Halbwertszeit von 18 Jahren, in der die Hälfte der aufgenommenen Substanz wieder ausgeschieden wird, am höchsten.
Methylquecksilber wirkt auf das Zentralnervensystem (ZNS). Die Symptome einer chronischen Quecksilberbelastung sind wenig spezifisch und werden deshalb oft nicht als solche erkannt. Neben Migräne und allgemeiner Mattigkeit zeigen sich eine erhöhte
Infektanfälligkeit und Zittern der Hände, was häufig mit Alterstremor verwechselt wird. Methylquecksilber wirkt chromosomenschädigend, in diesem Zusammenhang wird eine erbgutschädigende und kanzerogene Wirkung diskutiert.
Quecksilber und Quecksilberverbindungen stehen wie die toxischen Schwermetalle in dringendem Verdacht, Schwangerschaftskomplikationen auszulösen.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht als tolerierbaren Quecksilberhöchstgehalt 0,5 mg/kg in Fischen und 0,005 mg/kg in anderen Lebensmitteln.


Obere Normgrenze:
Blut 5 µg/l
Urin 5 µg/l bzw. µg/g Kreatinin
Biologischer Arbeitsstofftoleranzwert
Blut 50 µg/l
Urin 200 µg/l

Als MAK (maximale Arbeitsplatz-Konzentration) gilt in der BRD derzeit ein Wert von 0,1 mg/m3 (0,01 ppm); für Hg-Dämpfe gilt ein maximaler Arbeitsplatz-Konzentrations-Wert von 0,05 mg/m3, der allerdings durch die theoretisch möglichen Dampfkonzentrationen weit überschritten werden kann. Die Geruchsschwelle für Hg liegt bei 13 mg/m3.


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