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Studie des Robert Koch-Instituts zur Multiplen Chemikalien-Sensitivität (MCS)
Obwohl bereits seit längerer Zeit abgeschlossen, wurden erst jetzt die Ergebnisse ins Netz gestellt. Eine Druckversion scheiterte angeblich am Geld.
Der Hamburger Umweltmediziner Fabig mutmaßt: "Einer der Gründe für die Publikationsscheu könnte darin liegen, dass weder MCS-Einschluß- noch MCS-Ausschlusskriterien in den sechs Studien-Teilnahmezentren1gleich gehandhabt wurden. Die sich selbst rekrutierenden Teilnehmer der Studie wurden unter großem Aufwand an psychometrischen Instrumenten entweder als MCS-Kranke oder als Nicht-MCS-Kranke so klassifizert, wie es offenbar der Voreinstellung der Leiter dieser sechs Zentren "was MCS sein könnte" entsprach".

1 Aachen (Universitätsklinikum, PD Dr. Wiesmüller u.a.), Charite-RKI-Verbund "Klinische Umweltmedizin" Berlin (Prof. Frei u.a.), Fachkrankenhaus Nordfriesland Bredstedt (Dr. Schwarz u.a.), Universitätsklinikum Freiburg (Dr. Lacour u.a.), Hess. Zentrum f. Klinische Umweltmedizin Universität Gießen (Prof. Eikmann u.a.), LMU München, Klinikum Innenstadt (Prof. Nowak u.a.)

Lediglich vier der sechs Zentren konnten mehr als 20 Teilnehmer für die MCS-Studie (234 Teilnehmer insgesamt) rekrutieren. Die graphische Darstellung (Abb. 1) zeigt, wie extrem unterschiedlich die Diagnose in den vier Zentren gebraucht wurde:


Abb. 1: Diagnosestellung MCS der 4 Studienzentren in Prozenten

Der Forschungsansatz einschließlich der mageren Ergebnisse zeige deutlich, "wie dringend es ist, bei der Gestaltung weiterer Projekte stärker als bisher auf das vorhandene know how derer zurückzugreifen, die mit MCS-Kranken langjährige Erfahrungen und in ihren pathogenetischen Überlegungen sowie ihren diagnostischen und therapeutischen Strategien deutlich mehr Kreativität entwickelt haben, kommentiert K. Müller vom Deutschen Berufsverband der Umweltmediziner.

Die Studie selber stellt fest (S. 318/319), dass es offen bleibe, "welche Zentren der MCS-Wirklichkeit ("Wahrheit") am nächsten gekommen sind; die Zentren Berlin und Giessen, in denen gar keine MCS2-Fälle bestätigt wurden, die Zentren Aachen und Freiburg mit insgesamt sechs MCS2-Fällen oder die Zentren München und Bredstedt mit 65 MCS2-Fällen (d.h. 58% bzw. 85% der dortigen umweltmedizinischen Patienten). Folgt man dem zuerst genannten Ergebnis, dürfte MCS im engeren Sinne ein eher seltenes Phänomen sein oder gar nicht existieren; folgt man den zuletzt genannten Resultaten, dann wäre eine schadstoffbedingte MCS zumindest unter Umweltambulanzpatienten eine relativ häufige Gesundheitsstörung."
Des weiteren dokumentiert die Studie, "dass Patienten mit selbstberichteter MCS und selbstverständlich auch die Patienten mit ärztlich bestätigter MCS (der sog. MCS2) subjektiv eine relativ geringe gesundheitsbezogene Lebensqualität und einen relativ hohen Leidensdruck aufweisen."

Karl-Rainer Fabig meint zu den Unzulänglichkeiten der Studie: "Ambulanzen und Universitätsinstitute der Umweltmedizin sind in der Diagnostik oft überfordert. Die in der Regel notwendigen Dauerkontakte zu Patienten fehlen. Im Gegensatz zum Hausarzt und zum Umweltmediziner gibt es keine &Mac226;erlebte Anamnese’. Wer keine Hausbesuche macht, kann auch nicht die häusliche Exposition beurteilen. Die instrumentelle Institutsausstattung mag imponierend sein, aber der freie Wille zur Erkenntnis, zum Begreifen und Behandeln kann sich so nicht entfalten.
Dies kann nur durch Hinwendung zu den Problemen der Betroffenen erreicht werden. Die Institute im Sektor Umweltmedizin bekämen Anregungen durch die Wirklichkeit und könnten wissenschaftlich nur gewinnen. Sie müssten sich allerdings auch an dem beteiligen, was für ambulant tätige Umweltmediziner und Hausärzte selbstverständlich ist: an der Kommunikation mit Betroffenen und Experten. Um etwas zu erfahren und etwas tun zu können, müssen Ärzte sich mit den Betroffenen einlassen."

(Quellen: ROBERT KOCH-INSTITUT (2002): Multizentrische MCS-Studie, Umweltforschungsplan des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Aktionsprogramm "Umwelt und Gesundheit", z.Zt. nur im Internet: www.umweltdaten.de/medien/mcs.pdf; FABIG, K. R. (2003): mdl. Mitteilung; MÜLLER, K. E. (2003): Multizentrische MCS-Studie, ZfU 11 (2))

Kontakt: Robert Koch-Institut, Postfach 65 02 61, 13302 Berlin, Tel.: 01888/754 22 86, Fax: 01888/754 2265, Presse@rki.de, www.rki.de

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