37.000 Personen kamen für die verschiedensten Parallelveranstaltungen während des Weltgipfels nach Johannesburg, 21.000 davon aus 191 Ländern nahmen an der offiziellen Konferenz teil. Ich teile die geäusserte Ansicht, dass solch ein Riesengipfel alle zehn Jahre, aber nicht häufiger, sinnvoll ist, um die Akteure aller verschiedenen Facetten der nachhaltigen Entwicklung zusammenzubringen. Durch die Vielzahl der Parallelveranstaltungen konnte eine einzelne Person sich vielleicht an einem Prozent von allem beteiligen.
Natürlich stellt sich dabei die Frage, ob dies sich lohnt. Die Umweltbelastung durch den Gipfel selber sollte aber auch in Relation gestellt werden zu den Hunderttausenden, die zur Fussball-WM nach Ostasien reisten und den Millionen, die in den Ferien jährlich um die Welt fliegen.
Was bleibt?
Mit Blick auf die Resultate kann man sich einmal mehr streiten, ob das Glas halb voll oder halb leer ist (oder doch eher drei Viertel?).
Es gab drei Arten von Resultaten:
1. Die offiziell verhandelte 4-seitige Johannesburg-Erklärung mit dem 54-seitigen Umsetzungsplan (siehe www.johannesburgsummit.org).
2. Über 200 sogenannte Typ 2 Partnerschaften. Dies sind gemeinsame Projekt zwischen Regierungen, internationalen Organisationen und Nichtregierungsorganisationen zur Umsetzung der Agenda 21. Einige davon sind entweder schon laufende Projekte - die einfach als neu präsentiert wurden - oder schöne Hoffnungen, deren Umsetzung sehr fraglich scheint. Viele dieser Partnerschaften sind aber wichtige neue Schritte in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung. (Siehe Liste unter http://www.johannesburgsummit.org/
html/sustainable_dev/partnership_initiatives.html)
3. Die Tausenden von informellen Kontakten, neuen Ideen, neuer Motivation (oder Frustration) etc., welche sich nicht messen lassen.
Bei den offiziellen Resultaten ist sicherlich das konkrete Ziel, die Anzahl der Menschen ohne Zugang zu sanitären Einrichtungen und ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser bis zum Jahr 2015 zu halbieren ein Schritt vorwärts, während insbesondere das Fehlen eines konkreten Zieles zu erneuerbaren Energien enttäuschend ist.
Insgesamt hat die Gesundheit eine wesentlich prominentere Rolle gespielt als vor zehn Jahren in Rio. Der UNO Generalsekretär Kofi Annan hat seine fünf Prioritäten als "WEHAB" zusammengefasst: Wasser, Energie, Gesundheit, Landwirtschaft und Biodiversität. Auch die offizielle Zusammenfassung der Resultate ist nach den Prioritäten "WEHAB" aufgebaut, wodurch die Gesundheit doch endlich zu einem der Hauptanliegen wird.
Kinder, Umwelt und Gesundheit
Das Thema Kinder, Umwelt und Gesundheit erlangte in Johannesburg eine noch nie zuvor da gewesene Prominenz. Die Weltgesundheitsorganisation WHO, das UN Umweltprogramm UNEP, das UN Kinderprogramm UNICEF (alle durch ihre oberste Leitung vertreten), zusammen mit der EU Kommission und verschiedenen Regierungen sowie Nichtregierungsorganisationen (u.a. ISDE) kündigten eine Globale Allianz zu "gesunden Umwelten für Kinder" (Healthy Environments for Children) an. Diese Allianz wird in den nächsten Monaten aufgebaut und wahrscheinlich mit dem Weltgesundheitstag im April 2003 lanciert. Sie soll ein Dach, eine Plattform des Austausches, eine gemeinsame Datenbank der Information und das Sprungbrett für eine globale Bewegung zum Thema bilden. Zudem sollen innerhalb der globalen Allianz auch regionale und nationale Allianzen entstehen. Dabei habe ist es sicher hilfreich, dass in Deutschland und auch in Kanada solche Netzwerke bereits existieren.
Das Thema und die Grundkonzepte der sich nun aufbauenden Allianz sind in der WHO Broschüre http://www.who.int/peh/ceh/HECI_brochure.pdf beschrieben. Vor allem die folgende Graphik über die Wichtigkeit der verschiedenen Risiken ist dabei interessant (Abb. 1).

Abb. 1: Die Bedeutung von Umweltrisiken in Beziehung zum Entwicklungsstand der Gesellschaften (Quelle: WHO 2002, http://www.who.int/peh/ceh/HECI_brochure.pdf)
Darin werden folgende drei Gruppen an Risiken unterschieden:
- Grundrisiken (basic risks): Dies sind die Gesundheitsgefährdungen der Armut, welche schon fast immer existierten und in armen Entwicklungsländern sowie für die weltweite Gesundheitslast (global burden of disease) weiterhin dominieren. Dazu gehören: fehlendes oder verschmutztes Trinkwasser, keine sanitären Einrichtungen, Innenluftverschmutzung durch offene Feuerstellen, durch Insekten übertragene Krankheiten, etc.
- Moderne Risiken (modern risks), welche primär durch die Industrialisierung aufkamen und in den reichsten Ländern technisch teilweise kontrolliert werden können. Dazu gehören Luftverschmutzung, Verschmutzung durch Chemikalien, Unfälle, Lärm, etc. In Industrieländern, aber auch schon in vielen Schwellenländern sind dies die hauptsächlichen klar bekannten Umweltrisiken für Kinder.
- Aufkommende Risiken (emerging risks) welche noch nicht genau bekannt oder auch noch nicht voll ausgeprägt sind. Darunter fallen die Gesundheitsauswirkungen des Klimawandels, des Ozonlochs, der hormonähnliche Substanzen (endocrine disruptors), die möglichen Gefahren der elektromagnetischen Felder etc. Interessanterweise muss man davon ausgehen, dass von den ärmsten bis zu den reichsten Ländern Kinder wohl alle in irgend einer Form davon betroffen sind.
Durch diese unterschiedliche Risikoverteilung zeigt sich auch, dass sich die Allianzen in verschiedenen Regionen und Ländern verschiedene Prioritäten setzen werden.
Was folgt?
Die am weitesten fortgeschrittene regionale Prioritätensetzung ist sicherlich die Vorbereitung für die Budapest Umwelt- und Gesundheitsministerkonferenz "The Future of our Children" vom 23.-25. Juni 2004, wo ein europäischer Aktionsplan Kinder, Umwelt und Gesundheit ausgehandelt wird. Ein weiterer Aspekt der Allianz ist die durch das amerikanische Umweltministerium in Zusammenarbeit mit WHO, UNEP, UNICEF und ISDE lancierte Partnerschaft zu Indikatoren für Kinder, Umwelt und Gesundheit. Diese Partnerschaft wird sicherlich mit sehr ähnlichen Anstrengungen der Europäischen Umweltagentur und der WHO Europe koordiniert werden müssen.1
1 Wer über die Entwicklung der globalen Allianz informiert bleiben möchte, ist eingeladen, sich für die ISDE E-Mail Liste zu Kindern einzuschreiben.