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Zum Tode von Susan Sontag

Gut ein Jahr nach dem Empfang des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Herbst 2003 verstarb Susan Sontag am 28.12.2004 an Krebs. Sie hatte sich 1977 mit dem bemerkenswerten Essay Krankheit als Metapher über fatale Verläufe chronischer Krankheiten wie Tuberkulose (an der ihr Vater starb) und Krebs mit prägnanten Beobachtungen so treffend geäußert, dass dieser Beitrag in die medizinsoziologische und sozial orientierte Gesundheitsforschung einging und bis heute wegweisend erscheint. Da sie selbst an Krebs litt, ist eine Rückschau mit Bezug auf Aussagen ihres Buches von Interesse, zumal die Forschung zu diesen Themen immer noch (und angesichts der Genforschungswelle erneut) vernachlässigt wird. Und das, obwohl ein bemerkenswerter Artikel in Science vor einigen Jahren sich über die explosionsartigen Anstiege der Todesursachen Tbc und Krebs in den GUS-Staaten zu recht mit dem Thema Versiegen des Lebenswillens mit der Folge einer Beschleunigung schicksalhafter Verläufe beschäftigt hat, und zwar unabhängig von den Ursachen.
Gerade weil wir nach dem Zusammenbruch der ehemaligen UdSSR Zeugen eines natürlichen Experimentes geworden sind, ist dieser Blick auf Sontags propädeutische Veröffentlichung besonders relevant und macht das Buch weiterhin lesenwert. Das Schicksal von Franz Kafka spielt dabei eine besondere Rolle zur Verständlichmachung des einfachen Grundkonzepts eines maßgeblichen Einflusses von verlorener Hoffnung und hilfloser Enttäuschung als Grund für das Versagen normalerweise funktionierender Abwehrregulationen, die damit zum bestimmenden Auslöser für den Beginn einer Krankheit werden. Nicht ausgelebte, unterdrückte Leidenschaft, Frustration von Bedürfnissen, wird als wesentlicher Grund für die Symptome und Verläufe der Tuberkulose gesehen und mit Anekdoten aus der Literatur seit der Romantik veranschaulicht. Was früher Tbc mit jugendlichen unheilbaren Verläufen war, wird nach zunehmender Prävention und Therapierbarkeit der Infektion als Übergang in die heutige ansteigende Krebsmorbidität mit ebenso unbeeinflussbaren Verläufen wie seinerzeit die Tbc angesehen, und um das zu belegen, hat Sontag nicht nur intelligente Beobachtungen zusammengetragen, sondern auch Belege gefunden. Die inzwischen verlängerte Lebenserwartung bringt mit sich, dass frühere Tbc-Opfer sich als Überlebende ansammeln und als Pool für die klinische Manifestation der bösartigen Krankheiten wirken, für die in nahezu jedem Organismus bereits Anlagen latent vorhanden sind. Erst mit dem Eintreten der als unauflösbar erkannten Frustration verbundene Hoffnungslosigkeit führt zum klinischen Bild und Verlauf. Sontag schreibt nach Darstellung von Parallelen zur Tbc in Einzelfällen: Nach der Mythologie des Krebses wird generell eine ständige Unterdrückung von Gefühlen als Ursache dieses Krankheitsausbruches [nicht der geweblichen Ursache!] in Verbindung gebracht. Die unterdrückten Gefühle können sexueller Art sein, als gewaltsame Gefühle, die sich [aus Gründen der Hilflosigkeit] nicht äußern können, wirken sie krebsauslösend.
Norman Mailer als ein Phobiker vor Krebs habe demnach sich geäußert: Hätte ich nicht meine Frau erstochen, wäre ich an Krebs erkrankt in wenigen Jahren selbst tot gewesen.
Wilhelm Reich glaubte, dass Krebs eine Krankheit sei, die emotionaler Resignation folge, einem bio-energetischen Eingehen (shrinking) infolge der Aufgabe von Hoffnung und illustrierte seine einflussreiche Theorie mit Freuds Krebs des Kehlkopfes, der zu recht mit den Rauchgewohnheiten Freuds in Verbindung gebracht werden kann, ohne dass es plausible Erklärungen dafür gibt, dass die große Mehrzahl der Raucher offensichtlich nicht erkrankt, ebenso wie stark belastete Chemiearbeiter oft bis in hohes Alter gesund bleiben.
Zitat von Reich: Freud war sehr unglücklich verheiratet und resignierte. Er lebte ein sehr ruhiges, anständiges Familienleben, aber es gibt keine Zweifel, dass er genital sehr unbefriedigt war. Sowohl seine Resignation als auch sein Krebs sind Evidenz davon. Freud hat aufgegeben, als Person. Er musste seine persönlichen Vergnügen, seine Lust in mittlerem Alter aufgegeben ... wenn meine Sicht des Krebs korrekt ist, gibst Du auf, resignierst Du, dann gehst Du ein.
Sontag erkannte aber auch, dass Reich die Krankheit als Metapher für seine Theorien der sexuellen Befreiung benutzte, ebenso wie Hitler in dem Buch Mein Kampf mittels der Syphilis-Phobie antisemitische Argumente zu finden versuchte.
Eine Reihe der wichtigsten einschlägigen Forschungen, die mit diesem Thema wissenschaftlich beschäftigt waren und die Zusammenhänge mit Zahlen belegen konnten, hat sie für ihr Buch gründlich recherchiert und zitiert u.a. Le Shan, die Bahnsons, Caroline Bell Thomas, Simonton aber auch die Evidenz aus der belletristischen Literatur von Kafka bis Tolstoi.
Eine gewisse Tragik liegt darin, dass sie selbst - als verheiratete Mutter eines Sohnes später in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebend - einem schicksalhaften Verlauf nicht entgehen konnte, obwohl sie bestimmte Einsichten zur Rolle persönlicher Lebensstile und Erfüllungsmuster hatte. Hier scheint sich zu erweisen, dass neben nicht immer vermeidbarer Hoffnungslosigkeit auch noch stoffliche und molekularbiologische Funktionen zusammentreffen müssen, um erst durch Kombination zu dem Progressions- und Promotionsprozess zu führen, der schließlich mit Krankheit zum Ausbruch kommt, an den Stellen im Körper, die zuvor beispielsweise durch Strahlung geschädigt wurden und wegen fehlender Abwehr nicht heilten bzw. repariert werden konnten. Außerdem sind nicht jedem Betroffenen die psychomentalen Möglichkeiten gegeben, sich Anlässe für ein angeregtes Leben und Neuorientierungen mit neuen Hoffnungen zu geben. Die bis ins Altertum zurück verfolgbaren Krankheitsepisoden und -verläufe zeigen aber auch, dass die Mythologie ebenso wie die manifeste Krankheit Krebs nicht an moderne Karzinogene gebunden zu sein braucht. Neuere Ansätze zur kognitiven Psychotherapie mögen dagegen den Bogen bis in die vergangenen Zeiten schlagen helfen, da nicht nur Heilungen nach Neuerkrankung infolge persönlicher Reaktion auf die Metapher Krankheit bekannt sind, sondern auch präventive Konzepte des persönlichen Schutzes vor Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit erlernbar sind.
Die Literatur hierzu wird weitgehend ignoriert, aus der falschen Sorge um die Auslösung tieferer Depressionen und damit verbundener Erkrankung, die andernfalls nicht aufgetreten wäre. Mittels der Genforschung wird dagegen eine gewisse schicksalhafte Veranlagung prophezeit, die lediglich durch Genmanipulation oder noch gewagtere Eingriffe effektiv beeinflussbar sein könnte -ohne bisher einen belastbaren Beweis dafür zu haben.
Wahrscheinlich weil Sontag sich in letzter Zeit verstärkt politischen Themen zugewandt hatte und als Kritikerin der Entwicklungen in Amerika - auch bei ihren Feinden als eine der bedeutendsten intellektuellen Stimmen Amerikas geltend - von Europa aus als Vermittlerin zwischen den USA und Europa geehrt wurde, hat sie die Illness-Metaphern nicht weiter verfolgt. Es wäre interessant gewesen, ihre Meinung zur mechanistischen Genforschung zu erfahren.
Rainer Frentzel-Beyme
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